Neue Geschäftsmodelle trotz(en) der Krise

Veröffentlicht: 27.04.2020

Projekt: WeDigi

Zusammenfassung: Viele Unternehmen versuchen, mit neuen kreativen Wegen und Geschäftsideen dem Coronavirus zu trotzen. Die Beispiele zeigen, welche Wege kleine und mittlere Unternehmen beschreiten und was wir daraus vielleicht für die Zeit danach lernen können.

Einige wenige Branchen und Firmen profitieren von der Krise. Der weit überwiegende Teil leidet allerdings ganz erheblich. Häufig ist die Situation existenziell kritisch für Gründer, Selbstständige und auch mittelständische Unternehmen. Deshalb ist Liquidität sicherzustellen ganz sicher das Gebot der Stunde, denn ohne ausreichend Liquidität ist alles nichts.

Not macht (auch) erfinderisch

Viele Unternehmen setzen Ihre Hoffnungen in die staatlichen Hilfen. Gleichzeitig beobachte ich aber derzeit vielerorts auch ein großes Maß an Innovationskraft und Unternehmergeist. Not macht erfinderisch. Ein altes Sprichwort, das vielleicht so aktuell ist vielleicht wie lange nicht mehr. Das betrifft nicht nur die plötzlich allerorts praktizierte Zusammenarbeit im Homeoffice oder die Umsetzung neuer Arbeitsmodelle und Prozesse. Als jemand, der seit einigen Jahren kleine und mittlere Unternehmen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle begleitet, fasziniert mich vor allem, wie viele Unternehmen derzeit buchstäblich über Nacht ihre gewohnten Geschäftsmodelle anpassen oder gänzlich umbauen. Die meisten Beispiele die mir bisher begegnen, folgen dabei meist einem der folgenden naheliegenden Muster:

  1. Umstellung der Produktion auf Produkte, die in der Krise gebraucht werden
  2. Aufbau neuer Vertriebswege, ob online oder als Lieferservice
  3. Produkte und Dienstleistungen digital übersetzen

1. Umstellung der Produktion auf Produkte, die in der Krise gebraucht werden

Viele Produkte und Dienstleistungen werden derzeit kaum mehr benötigt, andere umso mehr. Zahlreiche Unternehmen stellen deshalb kurzfristig ihr Angebot um:

Die Maskenpflicht ist Realität geworden und nicht wenige Unternehmen stellen Teile ihrer Fertigung angesichts dessen auf die Produktion von Masken um. Die Bandbreite reicht von kleinen Manufakturen wie Stich by Stich aus Frankfurt über Textilunternehmen wie Trigema, das in seiner deutschen Produktionsstätte neben Masken auch Stoffkittel herstellt bis hin zur Melitta Europa GmbH & Co. KG, die inzwischen große Stückzahlen von Atemmasken in Form von Kaffeefiltertüten herstellt.

Auch im Messebau herrscht Auftragsflaute, weswegen sich Unternehmen nach neuen Aufgabenfeldern umsehen. Etwa das kleine Messebauunternehmen Fair Care! aus Frankfurt, das innerhalb eines Tages auf die Produktion von Plexiglasschutzwand umgestiegen ist, um seine sechs Mitarbeitenden weiter beschäftigen zu können.

Die Hotelkette Achat stemmt sich wiederum gegen den plötzlichen und gewaltigen Umsatzeinbruch und vermietet derzeit ihre Räumlichkeiten als Homeoffice-Arbeitsplätze an - inklusive Zimmerservice.

2. Aufbau neuer Vertriebswege, ob online oder als Lieferservice

Nicht alle Unternehmen verfügen natürlich über diese (technischen) Möglichkeiten und so setzen andere derzeit vor allem darauf, ihre Kunden (verstärkt) auf neuen (digitalen) Wegen zu erreichen.

Ruth König etwa führt ihr Kieler Ladengeschäft für CDs, Schallplatten, Konzert-DVDs und Blu-Rays virtuell weiter so lange die Laufkundschaft ausbleibt: über ihre Homepage, Bestellungen per E-Mail oder Beratung über das Telefon. Anschließend werden die Pakete an die Kunden versandt.

Der Fahrradhändler VeloCulTour hat neben Einzelterminen in seinem Ladengeschäft ein weiteres besonderes Angebot. Mit seinem Truck kommt das Unternehmen vor die Haustür und präsentiert die passenden Fahrradmodelle.

Viele Restaurants bieten inzwischen einen Lieferdienst an oder setzen auf Abholstationen. Den Mittagstisch gibt es in Hamburg beispielsweise fertig vakuumiert und „to go“ bei den Küchenfreunden. Die über 200 Jahre alte Apfelweinwirtschaft der „Lahme Esel“ wiederum geht neue Wege und hat wahrscheinlich den ersten Apfelwein Drive-In der Welt umgesetzt.

3. Produkte und Dienstleistungen digital übersetzen

Ob Yogakurs, Tanzunterricht oder Beratungen. Auch viele Dienstleistungsunternehmen deren Geschäft bislang nicht auf Distanz funktionierte, müssen wohl oder übel neue digitale Wege gehen: 

Vom Sportzentrum des TSV Korbach haben wir an dieser Stelle vor einiger Zeit schon berichtet. Ob Trainingsprogramme für zu Hause als PDF, Podcasts, kurze Trainingsvideos oder individuell zusammengestellte Trainingsbeutel, das Sportzentrum hat in den letzten Wochen eine Vielzahl an neuen digitalen Angeboten entwickelt.

Viele Beratende und Coaches in meinem Umfeld waren bis zur Krise vor allem vor Ort beim Kunden tätig. Sie gehen jetzt neue Wege und sammeln Erfahrungen mit Online-Sitzungen, -Beratungen und -Workshops. Um ihren Kunden in der schwierigen Zeit weiterhin zur Seite stehen zu können, haben die RKW Landesorganisationen beispielsweise in kürzester Zeit eine Online-Krisenberatung ins Leben gerufen.

Und selbst Weinproben funktionieren jetzt auch virtuell beispielsweise beim Klosterhof Siebenborn. Kunden bestellen Probierpakete. Die Weinprobe findet dann zu Hause aber doch gemeinsam mit anderen Weinfreunden und dem Winzer per Livestream übers Internet statt.

Geschäftsmodelle vorbereiten für die Zeit nach Corona

Bei aller Kreativität und Tatkraft dienen die Geschäftsmodellentwicklungen, die wir gerade beobachten in aller Regel dazu, akute Umsatzeinbrüche abzufedern und Firmen und Belegschaften in der Krise über Wasser zu halten. Denn im Vordergrund steht natürlich jetzt zunächst die aktuelle Krise zu bewältigen.

Schauen wir auf die nächsten Wochen und Monate, dann ist nicht auszuschließen, dass wir es weiterhin bzw. immer wieder mit Unsicherheiten und sehr kurzfristigen neuerlichen Einschränkungen zu tun bekommen. Damit erleben wir gerade gesamtgesellschaftlich und in einer extremen Zuspitzung Verhältnisse, wie sie seit längerem unter dem Begriff VUCA-Welt diskutiert werden: einer zunehmend volatilen, unsicheren, komplexen und uneindeutigen Unternehmensumwelt der Zukunft. Diese fordern nicht nur ein neues Maß an Unsicherheitskompetenz von Führungskräften und Belegschaften, sondern weiterhin ein hohes Maß an Flexibilität und die Fähigkeit schnell (um)zusteuern und sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen.

Was wir als Reaktion darauf erleben, ist derzeit Geschäftsmodellentwicklung im Zeitraffer. Was vorher mitunter Wochen und Monate gedauert hätte oder gar nicht möglich erschienen wäre, wird nun in kürzester Zeit in Zusammenarbeit mit den Belegschaften realisiert. Für Unternehmen entfalten sich in dieser radikalen Form mitunter neue Herangehensweisen: Schnelle Entscheidungen statt Analysieren und Verhandeln, agiles Ausprobieren statt detailliertes Planen, Schnelligkeit vor Genauigkeit oder das bewusste Tragen von Gefahren statt dem Versuch Risiken möglichst zu minimieren.

Was davon wird die Corona-Zeit überdauern? Von den neu eingeschlagenen Wegen wird sicher einiges beibehalten und weiterentwickelt werden, nicht zuletzt, weil sie sich als attraktiver und vorteilhafter erwiesen haben und sich beispielsweise Gewohnheiten und Erwartungen von Kunden und Mitarbeitern in der Krisenerfahrung verändern dürften. Anderes wird wieder zurückgedreht werden sobald möglich und an manchen Stellen gibt es vielleicht sogar eher eine Pendelbewegung zurück zum „Althergebrachten“. Noch spannender wird zu beobachten sein, ob die aus der schieren Not geborene Bereitschaft, alte Gewohnheiten und Geschäftsmodelle zu hinterfragen und neue Wege einzuschlagen, über die aktuelle Krise weiterverfolgt werden wird. Denn darin liegt meines Erachtens langfristig eine große Chance.

Eine kleine Anekdote zum Schluss, die ich neulich gelesen habe: Isaac Newton erreichte seine bahnbrechenden Durchbrüche für Mathematik und Physik nicht an der Universität von Cambridge sondern auf dem Land in der erzwungenen Ruhe einer zweijährigen freiwilligen Quarantäne. 1665 hatte er sich er sich vor der in London wütenden Pest dorthin zurückgezogen. In jeder Krise kann also eine Chance auf Neues liegen. Auch wenn das vielleicht zunächst ein wenig plattitüdenhaft klingt, es stimmt und gibt Zuversicht,  gerade angesichts des großen Unternehmergeists und der derzeitigen Beweglichkeit in kleinen und mittleren Unternehmen. Gleichzeitig hat die kurze Geschichte mich auch daran erinnert, wie wenig Zeit mitunter in den letzten vom Wachstum und operativen Alltagsgeschäft geprägten Jahren in vielen Unternehmen für strategische Arbeit und Veränderungen war.

RKW-Angebote, die Sie bei der Entwicklung Ihres Geschäftsmodells unterstützen können

Mit unserem Starter-Set „Geschäftsmodellentwicklung in der Digitalisierung für kleine und mittlere Unternehmen“ haben wir Formate entwickelt, mit denen Sie sowohl alleine als auch mit anderen auf die Suche nach neuen Ideen gehen und an Ihrem Geschäftsmodell von morgen feilen können. Das Starter-Set für kleine und mittlere Unternehmen enthält:

  • eine Inspirationsbox (damit Sie sich von guten Digitalisierungsbeispielen inspirieren lassen können)
  • ein Geschäftsideentagebuch (damit Sie an Ihrem Geschäft tüfteln und Ihrer Kreativität und Innovationskraft Raum geben können) und
  • den Leitfaden "Ideen sind ein guter Anfang" (damit Sie Ihr Geschäftsmodell in einem ganzheitlichen und pragmatischen Strategieprozess weiter entwickeln können)

Zudem bieten wir aktuell regelmäßig "Online-Erfahrungstausch"-Workshops an. Herzstück unserer neuen Online-Veranstaltung ist die "Kollegiale Fallberatung". Anders als bei anderen Online-Angeboten ermöglicht die "Kollegiale Fallberatung" die sofortige gegenseitige Unterstützung und Beratung im Rahmen unserer Moderation. In einem geschützten Raum mit maximal sechs Teilnehmenden und den RKW Moderatoren tauschen sich Geschäftsführende und Führungskräfte dafür zur aktuellen Situation in Ihren Unternehmen und Ihren derzeitigen Fragestellungen aus.