GEM: Expertinnen- und Expertenforum zu Gründungsaktivitäten vor und nach der Corona-Krise

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Veröffentlicht: 12.05.2020

Projekt: GEM

Zusammenfassung: In einem virtuellen Expertinnen- und Expertenforum wurden die Ergebnisse des Global Entrepreneurship Monitors Deutschland 2019/20 vor dem Hintergrund der Corona-Krise diskutiert und Auswirkungen auf das zukünftige Gründungsgeschehen abgeleitet.

Das RKW Kompetenzzentrum hat für den 6. Mai zum virtuellen Global-Entrepreneurship-Monitor-Forum (GEM) eingeladen. Insgesamt haben sich 14 Expertinnen und Experten aus Institutionen der Wirtschaftsförderung, Gründungsunterstützung und Bildung an der Diskussion beteiligt. Das Ziel dieses Online-Forums war es, gemeinsam mit der Autorenschaft die aktuellen Zahlen des GEM-Länderberichts 2019/20 vor dem Hintergrund der Corona-Krise neu zu bewerten. Außerdem wurde der Blick nach vorne gerichtet, um Impulse und Ideen zu entwickeln, wie der Gründungs- und Startup-Standort Deutschland weiterhin erfolgreich sein kann.

2019: Ein gutes Jahr für Gründungen und Startups

 

Die GEM-Ergebnisse zeigen, dass sich die Gründungsaktivitäten 2019 – gemessen durch die Total Entrepreneurial Activity (TEA) – in Deutschland mit 7,6 Prozent auf einem absoluten Höchststand befinden. Gleich zu Beginn der Diskussion wird dieser hohe Wert bestätigt: Auch beim diesjährigen KfW Gründungsmonitor, der die Ergebnisse aus 2019 darstellt, ist die Zahl der Unternehmensgründungen im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Anhand der Daten der KfW lässt sich auch feststellen, dass Gründungen aus der Not heraus in den letzten Jahren abgenommen haben – dieser Effekt ist vor allem auf den starken Arbeitsmarkt der letzten Jahre zurückzuführen. Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) deutet sich 2019 ebenfalls ein Trend hin zu mehr Gründungen an: So ist die Nachfrage nach den Gründungsunterstützungsformaten der Handelskammern in den letzten Jahren konstant gestiegen. Auch bei den Gründungsberatungsgesprächen haben die Handelskammern in 2019 einen deutlichen Anstieg verzeichnet.

Analog zu den GEM-Ergebnissen stellen die Handelskammern auch ein gestiegenes Gründungsinteresse bei jungen Menschen fest. In Deutschland liegen im Jahr 2019 die beiden jüngsten der im GEM erfassten Altersgruppen mit einer TEA-Quote von 10,1 Prozent (18–24-Jährige) und 11,8 Prozent (25–34-Jährige) deutlich über dem Mittelwert aller 18–64-Jährigen. Die TEA-Quote der beiden genannten Altersgruppen ist zweieinhalbmal so hoch wie jene der 55–64-Jährigen.

Jumpp Frauenbetriebe e. V. aus Frankfurt am Main verzeichnete 2019 gleichfalls eine steigende Beratungsnachfrage. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist hier ein dominantes Thema, um Gründungen auf den Weg zu bringen, da Frauen ein erhöhtes Interesse an Vollerwerbsgründungen zeigen. In einigen Branchen sind Frauen jedoch bei Gründungen nach wie vor stark unterrepräsentiert, dies betrifft beispielsweise den in der Rhein-Main-Region sich sehr dynamisch entwickelnden FinTech-Bereich.

Gründung als Karriereweg: Steigendes Interesse, hohes Ansehen mehr Kompetenzvermittlung 


Mit Blick auf die Gründungskultur lassen sich in Deutschland eine Reihe positive Entwicklungen feststellen: Die mediale Berichterstattung über Startups und Gründungen hat nach Wahrnehmung der Expertinnen und Experten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Erfolgsgeschichten von Gründerinnen und Gründern rücken dabei in den Fokus. Vor allem neue Ideen und Innovationen werden thematisiert. Der Wandel macht sich auch beim High-Tech Gründerfonds sowie in den Technologie- und Gründerzentren Deutschlands bemerkbar. Die GEM-Ergebnisse bestätigen dies. Über die Hälfte der Bundesbürger waren 2019 der Ansicht, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens eine gute Karriereoption ist. Für rund 81 Prozent der Deutschen genießen erfolgreiche Gründende ein hohes Ansehen in der Gesellschaft.

Bezogen auf die Vermittlung von Gründungskompetenzen besteht insbesondere an Universitäten und Hochschulen in Deutschland ein Aufwärtstrend. Die Vermittlung einer unternehmerischen Denkweise hat in den letzten Jahren an vielen Hochschulstandorten einen festen Platz gefunden. Dieses „Entrepreneurial Mindset“ entfaltet sowohl bei der Gründung, aber auch in der abhängigen Beschäftigung eine Wirkung. Viele unternehmerische Kompetenzen lassen sich gut vermitteln, so die Einschätzung von Seiten der Bildungsinstitutionen (Strascheg Center for Entrepreneurship, DHBW Mannheim, Stiftung der Deutschen Wirtschaft). Die Expertinnen und Experten sind sich jedoch in der Diskussion auch einig, dass Wissen alleine noch nichts bewirkt – es braucht bei jungen Menschen gleichzeitig einen Willen und finanzielle Unterstützung, um als Gründerin oder Gründer aktiv zu werden. Das EXIST-Programm ist beispielsweise ein hilfreiches Instrument, um Gründungen aus der Hochschule zu steigern. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung von 18-64 Jahren zeigen die GEM-Ergebnisse, dass 46 Prozent der Bundesbürger angeben, dass sie über ausreichende Fähigkeiten und Erfahrungen zur Umsetzung einer Gründung verfügen.

Die Corona-Krise stoppt positive Entwicklungstendenzen – zumindest vorerst. Wegen der Corona-Krise verzeichnen die Handelskammern seit März 2020 einen starken Rückgang in der Gründungsberatung. Die positiven Entwicklungstendenzen aus dem Jahr 2019 scheinen erst einmal gestoppt. Die Bereitstellung von Finanzhilfen und öffentlichen Förderprogrammen zur Überbrückung der gegenwärtigen Krisensituation stehen derzeit im Vordergrund. Die unterstützenden Aktivitäten und Maßnahmen der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hildesheim Region stehen hier exemplarisch für viele andere Regionen in Deutschland. Die Expertinnen und Experten rechnen mit einer Zäsur, welche die Auswirkungen der Finanzkrise 2008/2009 deutlich übertreffen wird. Kontrovers wurde darüber diskutiert, inwieweit es zu einem Nachholeffekt jetzt nicht vollzogener Gründungen kommen wird.

Derzeit lassen sich aufgrund der Effekte der Corona-Krise Probleme bei der Finanzierung von Start-ups sowohl bezogen auf die Gründungs- als auch die Wachstumsphase beobachten. Venture-Capital wird derzeit kaum vergeben, private Investorinnen und Investoren sind zurückhaltender geworden. Die Investorinnen und Investoren fokussieren sich vor allem auf Ihre Bestandsunternehmen. Erfolgreiche Programme laufen jedoch auch 2020 weiter, so wird der High-Tech Gründerfonds wieder zahlreiche Startups neu in sein Portfolio aufnehmen.

Herausforderungen jetzt und nach der Corona-Krise


Eine vom RKW Kompetenzzentrum Ende April 2020 durchgeführte Blitzumfrage mit 1.007 Befragten zeigt, dass über die Hälfte der teilnehmenden kleinen und mittleren Unternehmen aufgrund der Corona-Krise einen Anpassungsbedarf beim eigenen Geschäftsmodell sieht. Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten werden von der Krise besonders stark getroffen. Für über 70 Prozent aller befragten Unternehmen ist die Sicherung der Liquidität in den kommenden 24 Monaten die wichtigste Aufgabe. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft setzt sich derzeit dafür ein, die Rahmenbedingungen für Gründungen mit wenigen Mitarbeitenden sowie Soloselbstständige zu stärken. Eine vom Bafög-Ansatz abgeleitete Grundsicherung für Gründerinnen und Gründer könnte einen Beitrag dazu leisten, trotz der Corona-Krise die Anzahl an Gründungen zu stabilisieren.

Es zeichnet sich ab, dass sich infolge der Krise die Wirtschafts- und Branchenstruktur verändern wird. Dies stellt für Gründerinnen und Gründer auch eine Chance dar. Die Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ein Drittel der Startups von der Krise hart getroffen oder nicht überleben werden und ein weiteres Drittel mit Anpassungen am Geschäftsmodell eine realistische Chance hat, die derzeitige Situation zu meistern. Ein weiteres Drittel der Startups wird aufgrund ihrer innovativen und passenden (digitalen) Geschäftsmodelle mit deutlichen Zugewinnen aus der Krise hervorgehen. In den Gründungs-/Innovationszentren gibt es beispielsweise zahlreiche innovative Unternehmen, die im Zusammenhang mit der Corona-Krise neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt haben und anbieten (Innovative Ideen aus BVIZ-Zentren im Kampf gegen Corona).

Nach Einschätzung der Expertinnen und Experten zeigt die derzeitige Krise auch, dass Deutschland beispielsweise im Bereich der Digitalisierung noch Nachholbedarf hat. Sie plädieren dafür auch diesbezüglich die Krise als Chance zu nutzen und nun noch stärker als bisher auf innovative, zukunftsweisende sowie nachhaltige Gründungen zu fokussieren, die dazu beitragen können, die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb grundlegend zu stärken.

Das GEM-Team Deutschland und das RKW Kompetenzzentrum bedanken sich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des virtuellen GEM-Forums für die Beiträge und Einschätzungen.