Seit Juni gibt es eine ddn Regionalgruppe Hessen. Gründungsmitglieder sind das Berufsförderungswerk in Bad Vilbel, die AOK Frankfurt, IKEA und das RKW Kompetenzzentrum. Zum Start gab es ein spannendes Thema „Arbeiten mit Krankheit jenseits der 50 - vieles ist möglich". Die Keynote dazu hielt Prof. Hans Martin Hasselhorn von der Bergischen Universität Wuppertal.

Mitarbeitende mit chronischen Krankheiten gibt es in allen Unternehmen

Wenig überraschend betrifft das Thema alle Unternehmen, denn in Deutschland sind rund 54 Prozent der Erwachsenen von einer chronischen Krankheit oder einem lang andauernden Gesundheitsproblem betroffen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern gehören: Bluthochdruck (fast 22 Mio.), Adipositas (knapp 16,7 Mio.), Depressionen (ca. 13,4 Mio.) sowie Diabetes (knapp 8,2 Mio.) Mit dem Alter steigt die Zahl und bei den 45 bis 64-jährigen liegt sie bereits bei 60 Prozent. In diesem Alter hat somit fast jeder Dritte eine chronische Krankheit.

Allerdings: Nicht jede chronische Krankheit führt zu Beeinträchtigen

Natürlich führen nicht alle diese Krankheiten zwingend zu einer Beeinträchtigung im Arbeitsleben. Mit den richtigen Medikamenten lassen sich viele Krankheiten gut einstellen. Allerdings ziehen manche chronische Erkrankungen oft andere nach sich. Beispielsweise haben Diabetiker häufig auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen an Nieren, Augen und Nerven zu tun.

Wenn also fast ein Drittel aller älteren Mitarbeitenden mit einer chronischen Krankheit lebt, hat das zwangsläufig Auswirken auf Unternehmen. Zudem wird diese Zahl weiter steigen, denn auf Grund des demografischen Wandels werden immer mehr ältere Beschäftigte in Unternehmen arbeiten, weil immer weniger Junge nachkommen.

Aber warum ist das Thema Krankheit so wenig präsent?

Warum ist das Thema also so wenig präsent und die Aktivitäten vieler Unternehmen begrenzt? Das haben wir im Rahmen der Veranstaltung diskutiert und sind zum Schluss gekommen: Vielleicht weil das Thema Krankheit nicht wirklich attraktiv ist? Sicher gibt es aber auch andere Gründe. Fakt ist, die seit 2009 von Prof. Hasselhorn und seinem Team durchgeführte „lidA-Studie“ beweist mehrere Punkte sehr klar.

Bei den Studienteilnehmenden ist Krankheit die Regel, nicht die Ausnahme

Von den in der Studie 7.500 befragten Beschäftigten der Jahrgänge 1959, 1965 und 1971 fühlen sich rund 62 Prozent bei anstrengenden Alltagstätigkeiten gesundheitlich beeinträchtigt. Nur etwa ein Viertel berichtet von keiner einzigen Einschränkung. 15 Prozent bewerten ihre Gesundheit als (sehr) schlecht – hochgerechnet rund zwei Millionen Beschäftigte zwischen 50 und 64 Jahren. Betroffen sind alle Berufsgruppen, aber sehr unterschiedlich stark.

Gesundheit ist nicht der Hauptgrund für eine früheren Berufsausstieg

Manche Ergebnisse überraschen. Beispielsweise, dass die meisten gesundheitlich eingeschränkten Beschäftigten da sind - sie arbeiten. Und sie wollen weiterarbeiten. Tatsächlich ist Gesundheit ist nicht der Hauptgrund für den frühen Ausstieg aus dem Arbeitsleben. Denn hier stehen an erster Stelle: mehr Freizeit (83 %) und „irgendwann muss Schluss sein" (64 %). Gesundheitliche Probleme nennen tatsächlich nur 41 Prozent – bei schlechter Gesundheit aber 84 Prozent.

Umgekehrt heißt das: Viele Menschen mit Einschränkungen wollen - oder müssen? -  im Erwerbsleben bleiben. Rund 30 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten mit einer Erkrankung weiter. Die Arbeitswissenschaft nennt das „Stay at Work".

Berufliches Eingliederungsmanagement ist wirksam

Zweitens zeigt die Studie klar: Maßnahmen des BEM (Berufliches Eingliederungsmanagement) sind wirksam. Das sagen 90 Prozent derjenigen, die eine solche Maßnahme durchlaufen haben. Leider wird BEM in Deutschland viel zu wenig angeboten - Länder wie Schweden oder die Niederlande sind hier viel weiter. In Deutschland sind schätzungsweise 10 bis 15 Prozent aller Erwerbstätigen pro Jahr „BEM-berechtigt“, weil sie innerhalb von 12 Monaten mehr als 6 Wochen am Stück oder wiederholt krankgeschrieben waren. Aber nur 50 Prozent erhalten ein Angebot für ein BEM und von diesen wiederrum nimmt nur ein geringer Teil die Maßnahme wirklich wahr.

Was Betriebe konkret tun können

Für KMU liegt der Hebel weniger in extra Programmen als mehr beim Thema Mitsprache und Kommunikation:

  • Handlungsspielraum geben. Wer mitbestimmen kann, wann und wie er arbeitet, bleibt eher arbeitsfähig.
  • Arbeit anpassen statt Personen ersetzen. Tätigkeitswechsel, geänderte Arbeitszeiten, ein umgestalteter Arbeitsplatz, gezielte Qualifizierung – vieles davon kostet wenig und ist leicht umzusetzen.
  • Führung und Gesundheitskultur. Wo die betriebliche Gesundheitskultur gut ist, wollen und können Beschäftigte mehrere Monate länger arbeiten- das hat die Studie klar ergeben.
  • Zukunftsgespräche ab 55. Ein regelmäßiges Gespräch über Arbeitssituation und Perspektive überwindet die verbreitete Sprachlosigkeit. Die Mitarbeitenden fühlen sich wertgeschätzt.
  • BEM ernst nehmen. Es wirkt – wenn es angeboten und umgesetzt wird.

Fazit

Krankheit gehört zum Arbeitsleben. Betriebe, die das anerkennen und ihre Arbeit entsprechend gestalten, halten Erfahrung und Fachkräfte im Haus. Viele Maßnahmen wirken, sie erfolgen nur zu selten.

Quellen:
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