Warum Innovationsmanagement und die ISO 56002 wichtiger wird

Innovationsmanagement in kleinen und mittleren Unternehmen passiert – oft brillant, oft intuitiv. Viele KMU innovieren seit Jahrzehnten erfolgreich, ohne je von ISO 56001 oder ISO 56002 gehört zu haben. Die ISO 56001 macht dabei Innovation systematisch und messbar durch klare Anforderungen an ein Managementsystem, während die ISO 56002 die praktische Anleitung zur Einführung liefert.

Warum also sollten gerade Sie sich mit einem Innovationsmanagementsystem (IMS) beschäftigen? Weil die Spielregeln sich geändert haben: Technologiezyklen werden kürzer, Märkte volatiler, Fachkräfte rarer. Was früher durch Erfahrung und Bauchgefühl funktionierte, braucht heute eine kluge Balance aus Flexibilität und Systematik. Wie das in KMU gelingen kann, besprechen Alexander Sonntag und Dennis Böcker. 

Lohnt sich Innovationsmanagement mit der ISO 56002?

Alexander Sonntag: Beginnen wir direkt mit der zentralen Frage: Kleine und mittlere Unternehmen haben keine Ressourcen für unnötige Prozesse. Wie lässt sich gegenüber Geschäftsführungen der konkrete Nutzen eines Innovationsmanagementsystems erklären – über Zertifikate hinaus?

Dennis Böcker: Die Zertifikatsfrage höre ich oft – und meine ehrliche Antwort: Für die meisten KMU ist das Zertifikat Nebensache. Der echte Nutzen liegt woanders. Ich frage Geschäftsführende immer: „Wie viele gute Ideen gehen Ihnen pro Jahr verloren, weil niemand Zeit hat, sie weiterzuverfolgen?" Oder: „Wie oft scheitern Projekte, weil die gleichen Fehler wiederholt werden?"

Ein Innovationsmanagementsystem ist im Kern ein Betriebssystem für Innovation. Es sorgt dafür, dass gute Ideen nicht in Schubladen verschwinden, dass Entscheidungen nachvollziehbar sind und dass Teams wissen, wie sie von der Idee zum Markt kommen. Konkrete kurzfristige Effekte, die ich regelmäßig sehe:

  • Transparenz im Innovationsportfolio (3-6 Monate): Endlich werden die knappen Ressourcen auf die lohnenswertesten Projekte konzentriert und zwar nach in der Organisation definierten, vereinbarten und transparenten Kriterien.
  • Schnellere Go/No-Go-Entscheidungen (6-12 Monate): Klare Kriterien und Prozesse führen dazu, dass aussichtslose Projekte früher gestoppt und vielversprechende beschleunigt werden.
  • Höhere Erfolgsquote bei Markteinführungen (12-24 Monate): Systematische Validierung von Kundennutzen und Marktpotenzial vor dem großen Investment zahlt sich aus. Hierbei ist es wichtig, kontinuierlich Kundennutzen mit potenziellen Kundinnen und Kunden zu validieren und gleichzeitig im Unternehmen sicherzustellen, dass der Übergang vom Innovations-Prototyp in die Serie geleistet werden kann.

Geht die ISO 56002 auch ganz einfach und unbürokratisch?

Erfolgsversprechende Innovationsprozesse sind sicher wichtig, aber wie verhindert man, dass aus diesem System ein bürokratisches Monster wird?

Das ist die Kernfrage! Ein Innovationsmanagementsystems darf niemals Selbstzweck werden. Mein Credo: „Dokumentiere nur, was dir hilft – nicht was die Norm theoretisch erlaubt." Die ISO 56002 ist bewusst flexibel formuliert und gibt Gestaltungsfreiheit.

Für KMU empfehle ich, drei Dinge konsequent schlank zu halten:

  1. Dokumentation: Nutzt bestehende Tools. Wenn ihr bereits mit Confluence, Trello oder sogar Excel arbeitet – bleibt dabei. Ein Innovationsmanagementsystem braucht keine neue Software.
  2. Meetings: Innovationsreviews können in bestehende Jour-Fixes integriert werden. Keine Extra-Gremien ohne echten Mehrwert.
  3. Formulare und Templates: Nur das Nötigste. Eine einseitige Projektskizze reicht oft.

Worauf man aber nie verzichten sollte:

  • Klare Rollen und Verantwortlichkeiten: Wer treibt Innovation? Wer entscheidet?
  • Ein einfaches Bewertungssystem: Wie priorisieren wir Projekte?
  • Lessons Learned: Systematisches Lernen aus Erfolgen und Misserfolgen

 

Wenn wir es mal zuspitzen zu einer „KMU-tauglichen Minimalversion" – wie sähe die konkret aus?

Die Minimalversion besteht aus fünf Elementen:

  1. Innovationsstrategie auf einer Seite: Wo wollen wir hin? Welche Arten von Innovation passen zu uns?
  2. Ideen-Eingangskanal: Ein einfacher Weg, wie Ideen ins System kommen (oft reicht ein Formular oder eine E-Mail-Adresse)
  3. Bewertungs- und Priorisierungsprozess: Quartalsweiser Review mit klaren Kriterien
  4. Projektmethodik: Leichtgewichtige Vorgehensweise (z.B. Design Thinking Light oder Lean Startup)
  5. Lernschleife: Nach jedem Projekt 30 Minuten Retrospektive

Das kann man in 3-6 Monaten etablieren, ohne dass es weh tut.

Zu welchen Unternehmen passt die ISO 56002?

Viele KMU haben keine formalen Innovationsrollen und innovieren eher inkrementell, oft projektförmig und meist ohne F&E-Abteilung. Ist da die ISO 56001 nicht ein bisschen hochgegriffen?

Im Gegenteil – gerade für diese KMU ist die Norm wertvoll, weil sie technologie- und branchenunabhängig ist. Sie schreibt nicht vor, dass du eine F&E-Abteilung brauchst oder nur radikale Innovationen zählen. Die Norm ist bewusst offen für alle Innovationsarten: Produkt-, Prozess-, Dienstleistungs-, Geschäftsmodellinnovation – egal ob inkrementell oder radikal.

Was die Norm verlangt, ist Klarheit: Was verstehen wir unter Innovation? Welche Arten verfolgen wir strategisch? Das ist für KMU Gold wert, weil es Orientierung gibt.

Ein Maschinenbauer, der kontinuierlich seine Fertigungsprozesse verbessert, braucht ein anderes Innovationsmanagementsystem als ein Software-Startup, das neue Märkte erschließt. Beide können nach ISO 56001 arbeiten – mit völlig unterschiedlicher Ausgestaltung.

 

Wie flexibel lässt sich das System für unterschiedliche Innovationsarten ausgestalten?

Sehr flexibel. Die Norm definiert „Was" erreicht werden soll, nicht „Wie". Beispiel Ideenmanagement:

  • Ein produzierendes KMU mit inkrementellen Verbesserungen könnte ein kontinuierliches Verbesserungswesen (KVP) als Kern nutzen.
  • Ein dienstleistungsorientiertes KMU könnte regelmäßige Kundenfeedback-Sessions als Ideenquelle etablieren.
  • Ein technologiegetriebenes KMU könnte Technology Scouting und Patentanalysen integrieren.

Alle drei erfüllen die Norm – aber mit völlig unterschiedlichen Methoden.

 

Und wie integriert man Innovationsarbeit in bestehende Rollen, ohne die Leute zu überfordern?

Das ist die Kunst. Mein Ansatz: Innovation ist kein Extra-Job, sondern Teil der normalen Arbeit. Die Vertriebsleiterin ist automatisch Innovationsscout, weil sie nah an der Kundschaft ist. Der Produktionsleiter identifiziert Prozessverbesserungen. Die Geschäftsführung gibt strategische Impulse.

Das Einzige, was neu hinzukommt, ist ein strukturierter Rahmen: Wie bringen wir diese Erkenntnisse zusammen? Wie entscheiden wir? Meist sprechen wir von 2-4 Stunden pro Monat für die meisten Beteiligten – plus ein Kernteam oder eine Person, die koordiniert.

Vom Bauchgefühl zur Balance

Kann die Norm auch agil und pragmatisch ausgestaltet werden?

Unbedingt. Ich arbeite mit vielen KMU, die agile Methoden wie Scrum oder Design Sprints nutzen. Das widerspricht der Norm nicht – im Gegenteil. Die ISO 56002 spricht explizit von iterativen Ansätzen und Experimentieren.

Der Unterschied: Ein agiles Framework wie Scrum sagt dir „Wie" du Projekte durchführst. Ein Innovationsmanagementsystem sagt dir „Was" du strategisch erreichen willst und „Wie" du mehrere Projekte orchestrierst. Beide ergänzen sich perfekt.

 

Wo glaubst du, tut andererseits ein gewisses Korsett gut, um nicht in typische Innovationsfallen zu treten?

Sehr gute Frage. Es gibt drei klassische KMU-Fallen, wo Struktur Leben retten kann:

  • Falle 1: Opportunismus ohne Strategie
    KMU reagieren schnell auf Marktchancen – das ist super. Aber ohne strategischen Rahmen verzetteln sie sich. Plötzlich arbeiten sie an vielen Projekten gleichzeitig, alle halb fertig. Ein Innovationsmanagementsystem erzwingt die Frage: „Passt das zu unserem strategischen Fokus? Was lassen wir dafür liegen?"
  • Falle 2: Keine Marktvalidierung
    „Das braucht der Kunde bestimmt!" – ohne je gefragt zu haben. Ein Innovationsmanagementsystem integriert Validierungspunkte: Prototyp testen, Kundeninterviews führen und damit sicherstellen, dass der Bedarf im Kundensegment breit vorhanden ist, bevor die große Investition kommt.
  • Falle 3: Keine Nachbereitung
    Projekt abgeschlossen, alle rennen zum nächsten. Niemand fragt: „Was haben wir gelernt?" Ein Innovationsmanagementsystem macht Retrospektiven zur Pflicht. Das verhindert, dass die gleichen Fehler wiederholt werden.

In diesen Bereichen braucht es tatsächlich Disziplin – und genau da hilft das „Korsett".

Wie führt man die ISO 56002 ein? – Wo anfangen?

Wo sollten KMU konkret anfangen, wenn sie ein Innovationsmanagementsystem einführen wollen?

Meine Empfehlung: Starte mit dem Schmerz, nicht mit der Norm.

  • Schritt 1: Diagnose (2-4 Wochen)
    Wo tut es weh? Zu viele Projekte? Ideen versickern? Keine klare Strategie? Identifiziere die Top 3 Probleme. Hier kann sehr gut ein Innovationsmanagementsystem-Reifegrad-Assessment genutzt werden, welches sicherstellt, dass man die richtigen Fragen vollständig stellt, bevor man die Top 3 Probleme voreilig festlegt.
  • Schritt 2: Quick Win definieren (1 Tag Workshop)
    Welches Problem können wir in 3 Monaten spürbar verbessern? Z.B. „Transparenz über laufende Innovationsprojekte" oder „Schnellere Entscheidungen bei neuen Ideen".
  • Schritt 3: Minimal Viable IMS (3 Monate)
    Implementiere nur das, was für den Quick Win nötig ist. Oft sind das: eine einfache Projektübersicht, ein monatliches Innovation-Review und ein Bewertungsraster. Dies kann zum Beispiel auch in Form eines durch staatlich gefördertes Projekt erfolgen.
  • Schritt 4: Lernen und skalieren (ab Monat 4)
    Was funktioniert? Was nervt? Iterativ erweitern. Vielleicht kommt in Monat 6 die Strategiekomponente dazu, in Monat 9 ein strukturiertes Ideenmanagement.

Fazit: Systematik als Enabler, nicht als Bremse

Ein Innovationsmanagementsystem ist für KMU kein bürokratischer Luxus, sondern ein strategischer Hebel. Die Kunst liegt darin, es so schlank zu gestalten, dass es die natürliche Innovationskraft nicht erstickt, sondern kanalisiert und verstärkt.

Die zentrale Botschaft: Start small, learn fast, scale smart. Wer mit konkreten Schmerzpunkten beginnt, schnell Erfolge zeigt und das System iterativ ausbaut, schafft einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil – ohne Ressourcen zu verschwenden.

Innovation braucht in KMU kein schweres Regelwerk, sondern kluge Orientierung. Genau das kann ein gut konzipiertes Innovationsmanagementsystem leisten.

Über die Autoren:

Alexander Sonntag leitet den Fachbereich Digitalisierung und Innovation beim RKW Kompetenzzentrum. 

Dennis Böcker ist als Experte bei DIN und ISO im Kontext des Innovationsmanagements an der Ausgestaltung der Normen
im Kreis internationaler Experten maßgeblich beteiligt. Er begleitet Unternehmen bei der strategischen Einführung von
Innovationsmanagementsystemen und ist zertifizierter Lead Auditor für ISO 56001.

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  • © Getty Images/iStockphoto / iStock.com – Hände bilden eine Glühbirne (2318_haende_bilden_eine_gluehbirne.jpg)