Welche Materialien stecken in einem Produkt? Woher kommen zentrale Komponenten? Wie lässt sich ein Produkt reparieren, wiederverwenden oder recyceln? Und wo liegen diese Informationen im Unternehmen?

Mit dem digitalen Produktpass rücken diese Fragen stärker in den Fokus: Produktinformationen müssen künftig nicht nur vorhanden sein, sondern strukturierter gesammelt, gepflegt und je nach Zielgruppe digital zugänglich gemacht werden. Das betrifft nicht nur Nachhaltigkeitsabteilungen oder IT-Verantwortliche. Der digitale Produktpass berührt Produktentwicklung, Einkauf, Produktion, Qualitätssicherung, Vertrieb, Marketing und Geschäftsführung.

Für kleine und mittlere Unternehmen (kurz: KMU) ist das Thema deshalb nicht nur eine regulatorische Frage. Es geht darum, Produktwissen besser zu strukturieren, Daten aus der Lieferkette belastbarer zu machen und digitale Prozesse weiterzuentwickeln, etwa wenn Materialdaten, Zertifikate oder Reparaturinformationen bisher an unterschiedlichen Stellen im Unternehmen liegen. Noch steht nicht für jede Produktgruppe im Detail fest, welche Informationen Unternehmen bereitstellen müssen. Klar ist aber: Der digitale Produktpass wird in den kommenden Jahren schrittweise eingeführt. Der Sommer 2026 ist deshalb ein sinnvoller Zeitpunkt für Orientierung Wer heute klärt, welche Produktdaten bereits vorhanden sind, welche Informationen von Lieferanten kommen und wo Datenlücken bestehen, kann spätere Anforderungen gezielter vorbereiten.

Was ist der digitale Produktpass?

Der digitale Produktpass (kurz: DPP) ist ein digitaler Datensatz zu einem Produkt. Er soll wichtige Informationen über ein Produkt entlang seines Lebenszyklus zugänglich machen. Dazu können je nach Produktgruppe Angaben zu Materialien, Komponenten, Reparierbarkeit, eingesetzten Chemikalien, Recyclingfähigkeit oder Entsorgung gehören.

Das Umweltbundesamt beschreibt digitale Produktinformationen als Grundlage dafür, künftig transparente Informationen bereitzustellen, etwa zu verwendeten Materialien, Reparierbarkeit, eingesetzten Chemikalien und richtiger Entsorgung.

Wichtig ist: Der digitale Produktpass ist nicht einfach ein QR-Code auf einem Produkt. Ein QR-Code oder ein anderer Datenträger kann den Zugang zu den Informationen ermöglichen. Die eigentliche Aufgabe liegt jedoch dahinter. Daten müssen strukturiert, aktuell, nachvollziehbar und für unterschiedliche Nutzergruppen passend zugänglich sein. Konkret geht es um Produktdatenmanagement, Lieferanteninformationen, interne Zuständigkeiten, digitale Schnittstellen und Datenqualität.

Was ist klar, was ist noch offen?

  • Ab Februar 2027: Der digitale Batteriepass wird für bestimmte Batterien verpflichtend, etwa für Batterien von Elektrofahrzeugen, leichte Verkehrsmittel und Industriebatterien über zwei Kilowattstunden.
  • Rahmen für weitere Produkte: Die europäische Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, kurz ESPR, schafft die Grundlage für weitere digitale Produktpässe.
  • Prioritäre Produktgruppen: Im Arbeitsplan 2025 bis 2030 nennt die EU unter anderem Stahl und Aluminium, Textilien, Möbel, Reifen, Matratzen und bestimmte energieverbrauchsrelevante Produkte.
  • Noch offen: Welche konkreten Daten Unternehmen je Produktgruppe bereitstellen müssen, wird über produktspezifische Regelungen festgelegt.

Für KMU heißt das: Noch sind nicht alle Detailanforderungen bekannt. Die Richtung ist aber klar. Produktdaten werden stärker zu einem Compliance-, Digitalisierungs- und Wettbewerbsthema.

Welche Unternehmen können betroffen sein?

Naheliegend ist das Thema für produzierende Unternehmen. Dazu gehören etwa Hersteller von technischen Komponenten, Maschinen, Möbeln, Textilien, Bau- und Ausstattungsprodukten oder energieverbrauchsrelevanten Produkten.

Zulieferbetriebe sollten die Entwicklung ebenfalls im Blick behalten. Selbst wenn ein Unternehmen keinen digitalen Produktpass für ein Endprodukt bereitstellen muss, können größere Kunden künftig produktbezogene Daten anfragen. In B2B-Lieferketten kann der digitale Produktpass deshalb indirekt relevant werden.

Je nach Produktgruppe und Rolle können neben Herstellern zum Beispiel Importeure, Händler, Reparatur- und Wartungsbetriebe, Recyclingakteure oder weitere Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette betroffen sein. Entscheidend ist, welche Produktgruppe reguliert wird und welche Rolle ein Unternehmen im Markt einnimmt.

Welche Daten werden wichtiger?

Welche Daten konkret erforderlich sein werden, hängt von der jeweiligen Produktgruppe ab. Trotzdem zeichnen sich typische Informationsbereiche ab. Dazu gehören beispielsweise Angaben zu Materialien und Komponenten, enthaltenen Stoffen, Herkunfts- und Lieferantendaten, Energie- und Ressourcenverbrauch, Reparierbarkeit, Ersatzteilen, Lebensdauer, Recyclingfähigkeit, Entsorgung und möglicherweise Umweltwirkungen.

Es wird demnach nicht darum gehen, möglichst viele Daten wahllos zu sammeln. Entscheidend ist, welche Informationen für welche Zwecke gebraucht werden, wie verlässlich sie sind und wer Zugriff darauf erhält.

Warum der digitale Produktpass ein Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsthema ist

Der digitale Produktpass wird häufig als Nachhaltigkeitsinstrument beschrieben. Das stimmt, greift aber zu kurz. In der betrieblichen Praxis ist er ebenso ein Digitalisierungsthema.

Viele Unternehmen verfügen bereits über relevante Informationen. Sie liegen jedoch nicht unbedingt dort, wo sie gebraucht werden. Materialdaten stehen im Einkauf, technische Angaben in der Entwicklung, Zertifikate im Qualitätsmanagement, Lieferantenauskünfte in E-Mails, Produktinformationen im Vertrieb und Nachhaltigkeitsdaten möglicherweise in einem separaten Bericht.

Der digitale Produktpass macht sichtbar, ob diese Informationen strukturiert zusammengeführt werden können. Dafür können vorhandene Systeme relevant sein, wie beispielsweise Warenwirtschafts- oder ERP-Systeme, Produktinformationssysteme, Produktdatenmanagement, Qualitätsmanagement- oder Dokumentenmanagementsysteme. Ebenso wichtig sind klare Prozesse: Wer pflegt Daten? Wer prüft sie? Wer gibt sie frei? Wie werden Änderungen dokumentiert? Welche Informationen dürfen öffentlich sichtbar sein und welche nur für bestimmte Akteure?

Insbesondere der letzte Punkt ist für KMU wichtig. Ein digitaler Produktpass bedeutet nicht automatisch, dass alle Unternehmensinformationen frei zugänglich werden. Künftige Systeme müssen unterschiedliche Zugriffsrechte berücksichtigen, etwa für Verbraucherinnen und Verbraucher, Behörden, Geschäftspartner oder Recyclingunternehmen.

Was KMU jetzt tun können: mit einer Bestandsaufnahme starten

Der Einstieg muss nicht kompliziert sein. Für viele Unternehmen ist zunächst keine große Softwareentscheidung nötig. Hilfreicher ist eine strukturierte Bestandsaufnahme. Welche Produktinformationen liegen bereits vor? Wo befinden sie sich? Wer pflegt sie? Und welche Informationen werden von Kunden, Lieferanten oder künftig durch Regulierung voraussichtlich stärker nachgefragt?

Eine solche Bestandsaufnahme schafft Orientierung. Sie hilft Unternehmen, vorhandenes Produktwissen sichtbar zu machen, Datenlücken zu erkennen und erste Zuständigkeiten zu klären. Für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, etwa aus Beratung, Wirtschaftsförderung, Kammern oder Verbänden, kann sie zudem ein praktischer Einstieg sein, um mit Unternehmen über digitale Produktdaten, Lieferketten und Nachhaltigkeitsanforderungen ins Gespräch zu kommen.

Für den Anfang reichen oft wenige Leitfragen:

  1. Welche Produkte oder Komponenten könnten relevant werden?
    Prüfen Sie, welche Produkte Ihr Unternehmen herstellt, verarbeitet, importiert, handelt oder zuliefert. Besonders aufmerksam sollten Unternehmen sein, wenn sie Batterien, Textilien, Möbel, technische Komponenten, Materialien, energieverbrauchsrelevante Produkte oder Vorprodukte für größere Hersteller anbieten.
  2. Welche Produktinformationen liegen bereits vor?
    Dazu gehören zum Beispiel Materialdaten, technische Spezifikationen, Lieferantennachweise, Zertifikate, Reparaturhinweise, Ersatzteildaten, Informationen zur Recyclingfähigkeit oder Hinweise zur Entsorgung. Wichtig ist nicht nur, ob diese Informationen vorhanden sind. Entscheidend ist auch, wo sie liegen, in welchem Format sie vorliegen und ob sie aktuell sind.
  3. Welche Daten kommen aus der Lieferkette?
    Viele Informationen entstehen nicht im eigenen Unternehmen, sondern bei Lieferanten, Vorproduzenten oder Dienstleistern. Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, welche Daten bereits zuverlässig verfügbar sind, welche regelmäßig angefragt werden müssen und wo künftig verbindlichere Nachweise nötig sein könnten.
  4. Wo liegen die Informationen im Unternehmen?
    Produktdaten sind häufig auf verschiedene Bereiche verteilt: Einkauf, Entwicklung, Produktion, Qualitätssicherung, Vertrieb, Marketing, IT oder Geschäftsführung. Ein erster Überblick über Datenquellen hilft, Doppelarbeit zu vermeiden. Dazu können technische Datenblätter, Lieferantenerklärungen, Zertifikate, Stücklisten, Qualitätsdokumente, Produktdatenbanken, ERP-Daten oder Dokumentenablagen gehören.
  5. Welche Datenlücken und Zuständigkeiten gibt es?
    Nicht jede Information muss sofort vollständig vorliegen. Hilfreich ist ein realistischer Überblick: Welche Daten sind belastbar? Welche sind veraltet? Welche liegen nur bei Lieferanten? Wer pflegt, prüft und aktualisiert die Informationen? Und wer entscheidet, welche Daten an Kunden, Behörden oder andere Akteure weitergegeben werden?
  6. Womit lässt sich ein erster Testlauf starten?
    Statt alle Produkte gleichzeitig zu betrachten, kann ein Pilotprodukt sinnvoll sein. Geeignet ist ein Produkt, das wirtschaftlich relevant ist, regelmäßig von Kunden nachgefragt wird oder absehbar stärker von regulatorischen Anforderungen betroffen sein könnte. An diesem Beispiel lässt sich prüfen, welche Daten bereits verfügbar sind, welche Prozesse funktionieren und wo Anpassungen nötig werden.

Eine solche Bestandsaufnahme zeigt schnell: Der digitale Produktpass ist kein reines IT-Projekt. Er betrifft Produktwissen, Lieferketten, Datenqualität und interne Zusammenarbeit. Gleichzeitig kann sie Unternehmen helfen, pragmatisch zu starten, statt auf vollständige Detailvorgaben zu warten.

Von der Pflicht zur Chance

Der digitale Produktpass kann zunächst wie eine weitere regulatorische Aufgabe wirken. Für viele Unternehmen wird seine Einführung mit Aufwand verbunden sein. Gleichzeitig kann die Vorbereitung helfen, vorhandenes Produktwissen gezielter zu nutzen.

Wenn Informationen zu Materialien, Ersatzteilen, Reparatur, Recycling oder Entsorgung leichter auffindbar sind, können Unternehmen schneller auf Kundenanfragen reagieren, Aussagen zu Qualität und Nachhaltigkeit besser belegen und neue Serviceangebote rund um Wartung, Reparatur, Rücknahme oder Wiederverwendung entwickeln.

Damit kann der digitale Produktpass mehr sein als Pflichtdokumentation. Er kann ein Anlass sein, Produktdaten so aufzubereiten, dass sie interne Abläufe verbessern, Kundenkommunikation unterstützen und bestehende Stärken sichtbarer machen.

Digitaler Produktpass und Twin Transition

Der digitale Produktpass zeigt deutlich, warum Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammen gedacht werden müssen. Nachhaltigkeitsanforderungen lassen sich oft nur erfüllen, wenn Daten verfügbar, strukturiert und digital austauschbar sind. Umgekehrt bekommen Digitalisierungsmaßnahmen einen konkreten Zweck, wenn sie dazu beitragen, Ressourcen zu schonen, Produkte länger nutzbar zu machen oder Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.

Damit berührt der digitale Produktpass auch zentrale Ansätze der Kreislaufwirtschaft, etwa Reparatur, Wiederverwendung, Wiederaufbereitung oder Recycling. Digitale Produktinformationen können helfen, solche sogenannten R-Strategien im Betrieb praktischer umzusetzen: zum Beispiel, indem Ersatzteile leichter identifiziert, Reparaturinformationen besser zugänglich oder Rücknahmeprozesse besser vorbereitet werden.

Genau hier setzt die Idee der Twin Transition an: Digitale Technologien werden nicht losgelöst eingeführt, sondern mit Nachhaltigkeitszielen verbunden. Für KMU kann das bedeuten, mit einem überschaubaren Pilotprojekt zu starten. Ansatzpunkte können Produktdaten, Lieferantendaten, Reparaturinformationen oder Rücknahmeprozesse sein.

Das Twin Transition Tool des RKW Kompetenzzentrums bietet dafür Inspiration. Es zeigt anhand von Praxisbeispielen, wie Unternehmen Digitalisierung und Nachhaltigkeit verbinden. Wer den digitalen Produktpass nicht nur als Pflicht, sondern als Anlass für die Weiterentwicklung des eigenen Betriebs versteht, kann dort erste Impulse für passende Ansatzpunkte finden.

Ergänzend lohnt sich ein Blick in die RKW-Podcastfolge „Digitale Tools für die Zirkuläre Wirtschaft“. Dort wird der digitale Produktpass als ein möglicher Baustein zirkulärer Geschäftsmodelle eingeordnet.

Unternehmen aus Baden-Württemberg, die konkrete Innovations- und Förderansätze im Bereich digitaler und nachhaltiger Produktion suchen, können zusätzlich das ZIM-Netzwerk Digital Manufacturing von RKW Baden-Württemberg prüfen. Dort wird der digitale Produktpass als eines von mehreren Themenclustern genannt und bearbeitet.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Kommt der digitale Produktpass für alle Produkte ab 2027?
Nein. Ab Februar 2027 wird der digitale Batteriepass für bestimmte Batterien verpflichtend. Weitere Produktgruppen folgen schrittweise über die ESPR.

Welche Produktgruppen sind zuerst relevant?
Die EU nennt im Arbeitsplan 2025 bis 2030 unter anderem Stahl und Aluminium, Textilien, Möbel, Reifen, Matratzen und bestimmte energieverbrauchsrelevante Produkte als prioritäre Gruppen.

Ist der digitale Produktpass ein QR-Code?
Nein. Ein QR-Code oder ein anderer Datenträger kann den Zugang ermöglichen. Entscheidend sind die dahinterliegenden Produktdaten, ihre Qualität, Aktualität, Struktur und Zugänglichkeit.

Was sollten KMU jetzt tun?
KMU können mit einer Bestandsaufnahme beginnen: Welche Produktdaten liegen vor, wo befinden sie sich, wer pflegt sie und welche Informationen fragen Kunden oder Lieferkettenpartner bereits heute an?

Was hat der digitale Produktpass mit Twin Transition zu tun?
Der digitale Produktpass verbindet Nachhaltigkeitsziele mit digitalen Daten und Prozessen. Damit ist er ein praktisches Beispiel dafür, wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit gemeinsam gedacht werden können.

Fazit: Orientierung zum digitalen Produktpass auf einen Blick

Der digitale Produktpass kommt schrittweise. Ab Februar 2027 wird zunächst der digitale Batteriepass für bestimmte Batterien verpflichtend. Weitere Produktgruppen folgen über die europäische Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte.

Für KMU bedeutet das: Nicht jede Detailanforderung ist heute schon bekannt. Trotzdem lohnt sich die Vorbereitung. Entscheidend ist ein strukturierter Überblick über Produkte, vorhandene Daten, Lieferanteninformationen, Datenlücken und Verantwortlichkeiten.

Der Einstieg muss keine große Softwareentscheidung sein. Oft beginnt er mit der Frage, wo Produktwissen im Unternehmen liegt und wie es besser zusammengeführt werden kann. So kann der digitale Produktpass zu einem Anlass werden, Produktdaten, Nachhaltigkeit und Digitalisierung stärker miteinander zu verbinden.

Quellen und weiterführende Informationen

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