Welche Rolle spielen Business Angels im Gründungsökosystem – und wie können sie gezielt in regionale Strukturen eingebunden werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Online-Erfahrungsaustauschs der Reihe „Gründungsökosysteme gestalten“ mit über 30 Teilnehmenden. Gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren aus ganz Deutschland wurden aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungsansätze rund um die Frühphasenfinanzierung von Startups diskutiert.
Als Experten gaben Alf Arnold, Geschäftsführer von Business Angels Deutschland (BAND), sowie Frank Petry, erfahrener Gründer, Unternehmer, Investor und momentan „Angel in Residence“ bei NEXT MANNHEIM, fundierte Einblicke in die Praxis und die aktuelle Marktsituation.
Business Angels: zentrale Akteure der Startup-Finanzierung in der Frühphase
Business Angels sind ein unverzichtbarer Bestandteil funktionierender Gründungsökosysteme. Sie investieren in einer Phase, in der viele Startups noch keinen Zugang zu Finanzierungsquellen wie Banken oder Venture-Capital-Fonds haben. Neben Kapital bringen sie unternehmerische Erfahrung, Branchenwissen und wertvolle Netzwerke ein.
Daten des Business Angel Report 2023zeigen: Rund 74 Prozent der ersten Finanzierungsrunden von Startups in Deutschland werden maßgeblich durch Business Angels getragen. Damit sind sie die wichtigste private Investorengruppe in der Frühphase und übernehmen eine zentrale Brückenfunktion hin zu späteren Wachstumsfinanzierungen.
Rückläufige Investitionen: Herausforderungen für die Frühphasenfinanzierung
Trotz ihrer hohen Relevanz stehen Business Angels aktuell vor veränderten Rahmenbedingungen. Die Diskussion zeigte deutlich, dass die verfügbare Liquidität im Markt zurückgegangen ist und Investitionen vorsichtiger getätigt werden.
Ein Blick auf die Entwicklung der durchschnittlichen Ticketgrößen verdeutlicht diesen Trend: Während Business Angels im Jahr 2018 im Schnitt rund 194.000 Euro investierten, lag dieser Wert 2023 nur noch bei etwa 66.000 Euro. Insgesamt sind auch die jährlichen Investitionsvolumina rückläufig (Nur wer sät, kann ernten: Empfehlungen zur Stärkung von Frühphaseninvestitionen und des Angel Investings in Deutschland, BAND-Positionspapier, Stand: Februar 2026).
Diese Entwicklung ist eng mit gesamtwirtschaftlichen Unsicherheiten, einer geringeren Anzahl erfolgreicher Exits und einer insgesamt vorsichtigeren Investitionsstrategie verbunden. Im internationalen Vergleich – etwa mit dem Vereinigten Königreich – zeigt sich zudem, dass dort häufig größere Finanzierungsvolumina sowohl in der Früh- als auch in der Wachstumsphase zur Verfügung stehen.
Regionale Unterschiede im Gründungsökosystem: Chancen und Herausforderungen
Die Rolle von Business Angels variiert je nach Region erheblich. Während etablierte Startup-Hotspots wie Berlin oder München über gut entwickelte Netzwerke und Kapitalzugänge verfügen, stehen ländlichere Regionen vor größeren Herausforderungen.
Insbesondere die Sichtbarkeit von Startups, der Zugang zu Investorinnen und Investoren sowie die Vernetzung relevanter Akteure sind hier zentrale Themen. Gleichzeitig wurde im Austausch betont, dass gerade in diesen Regionen großes Potenzial liegt – insbesondere durch stärkere Zusammenarbeit über regionale Grenzen hinweg.
Kooperationen zwischen Bundesländern, Wirtschaftsförderungen und Netzwerken können dazu beitragen, Ökosysteme zu stärken, Synergien zu nutzen und die Finanzierungsmöglichkeiten für Startups zu verbessern.
Operator Capital: Chancen und Grenzen operativer Beteiligung
Ein weiterer Aspekt im Gespräch war das Konzept des „Operator Capital“. Dabei bringen sich Business Angels nicht nur finanziell, sondern auch operativ in Startups ein – beispielsweise durch aktive Mitarbeit.
Die Einschätzungen hierzu fielen differenziert aus: Während Mentoring und strategische Begleitung als zentrale Bestandteile eines Angel-Investments gelten, wurde eine Vermischung von operativer Rolle und Kapitalbeteiligung teilweise kritisch gesehen. Eine klare Rollenverteilung zwischen Investment und operativer Tätigkeit wurde als entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit hervorgehoben.
Angel in Residence: innovativer Ansatz für regionale Ökosysteme
Ein vielversprechender Ansatz zur stärkeren Einbindung von Business Angels ist das Modell des „Angel in Residence“, das in Mannheim erprobt wurde. Dieses Konzept zielt darauf ab, Business Angels systematisch in regionale Gründungsökosysteme zu integrieren und gleichzeitig neue Investorinnen und Investoren zu gewinnen.
Der Angel in Residence übernimmt dabei eine doppelte Funktion: Er unterstützt Startups bei Fragen der Finanzierung und begleitet gleichzeitig (angehende) Business Angels beim Einstieg in ihre Rolle. Darüber hinaus trägt er aktiv zum Aufbau einer regionalen Community bei, in der sich Investorinnen und Investoren vernetzen und austauschen können.
Ein solcher Ansatz kann die Sichtbarkeit von Startups erhöhen, den Zugang zu Kapital verbessern und langfristig zu einem stärkeren, resilienteren Gründungsökosystem beitragen.
Business Angels stärken – Gründungsökosysteme weiterentwickeln
Die Diskussion machte deutlich, dass Business Angels weit mehr sind als reine Kapitalgeber. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von Startups und bringen wichtige Impulse in die Gründungsökosysteme ein.
Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen, die gezielte Maßnahmen erfordern – von verbesserten Rahmenbedingungen über stärkere Vernetzung bis hin zu innovativen Einbindungsformaten. Initiativen und Austauschformate wie die Reihe „Gründungsökosysteme gestalten“ tragen dazu bei, diese Themen sichtbar zu machen und gemeinsam weiterzuentwickeln.
Fazit: Frühphasenfinanzierung als Schlüssel für Innovation und Wachstum
Ohne Business Angels fehlt Startups in der entscheidenden Anfangsphase häufig der Zugang zu Kapital, Know-how und Netzwerken. Ihre Rolle als erste Investoren und Brückenbauer im Gründungsökosystem ist daher von zentraler Bedeutung für Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.
Umso wichtiger ist es, ihre Rahmenbedingungen zu stärken, regionale Ökosysteme weiterzuentwickeln und neue Ansätze wie den „Angel in Residence“ gezielt zu fördern.
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