Rund 70 Teilnehmende aus ganz Deutschland diskutierten beim Online-Erfahrungsaustausch der Reihe „Gründungsökosysteme gestalten“ am 26. Februar die Frage, wie die Themen Unternehmensnachfolge und Gründungsökosysteme zusammen gedacht werden können.
Unsere Experten der Austauschrunde waren:
- Dr. Marc Evers, Leiter des Referats Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge beim DIHK (Deutsche Industrie- und Handelskammer)
- Christian Wewezow, Unternehmer, Berater sowie Vorstandsmitglied des RKW e. V.
- Anja Beck, Bereichsleiterin Unternehmensberatung in der Handwerkskammer Cottbus
- sowie Stefanie Bechert, Programmbereichsleiterin im Fachbereich Gründung aus dem RKW Kompetenzzentrum
Gute Strukturen – große Lücke
Die Großwetterlage beim Thema Unternehmensnachfolge ist ambivalent: Einerseits verfügt Deutschland über eine gut ausgebaute Unterstützungslandschaft mit Kammern, Netzwerken und privaten Initiativen. Die Nachfrage nach Beratung ist hoch – 2024 verzeichneten die IHKs so viele Interessierte wie nie zuvor, allein rund 10.000 Beratungen von übergabewilligen Unternehmen (DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2025).
Andererseits bleibt eine deutliche Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Im Mittelstand zeigt sich ein struktureller Gap: Tausende Betriebe suchen Nachfolgerinnen und Nachfolger, während die Zahl der tatsächlich verfügbaren Übernehmenden nicht ausreicht. Gründe sind unter anderem der demografische Wandel, wirtschaftliche Unsicherheiten und hohe bürokratische Anforderungen oder auch einfach fehlende Kenntnisse über die Möglichkeit einer Nachfolgegründung.
Es zeigt sich zudem ein weiterer Aspekt, der stärker Aufmerksamkeit erhalten könnte: Nur 24 Prozent der Übernahmeinteressierten sind Frauen – deutlich weniger als der Anteil in der allgemeinen Gründungsberatung mit 40 Prozent (DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2025).
Ein weiterer Blick auf die Zahlen unterstreicht die zukünftige Dimension: Zwischen 2026 und 2030 stehen rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe an (IfM: Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030).
Nachfolge gehört zur Gründung – wird aber anders wahrgenommen
Ein zentraler Diskussionspunkt war die Frage, warum Nachfolge im Gründungsökosystem häufig nicht selbstverständlich mitgedacht wird. Obwohl die Übernahme eines Unternehmens eine Form der Existenzgründung ist, wird sie kommunikativ und strukturell oft getrennt behandelt.
Impulse aus der Praxis zeigen: Sprache und Positionierung spielen eine Rolle. Formate wie „Entrepreneurship through acquisition“ sprechen jüngere Zielgruppen anders an als der klassische Begriff „Unternehmensübernahme“. Auch ein „Rebranding“ bestehender Angebote oder die stärkere Verzahnung von Gründungs-, Innovations- und Nachfolgezentren durch den konkreten Namenszusatz „Nachfolge“ könnten helfen, neue Zielgruppen zu erreichen.
Faktor Mensch vs. Plattformen und KI
Im Austausch wurde auch die Frage nach den Kompetenzen zukünftiger Nachfolgerinnen und Nachfolger aufgeworfen. Neben betriebswirtschaftlichem Know-how braucht es vor allem realistische Erwartungen, eine unternehmerische Haltung und Mut. Gleichzeitig fehlen gerade im Handwerk sowie in technischen oder zulassungspflichtigen Branchen häufig Personen mit den notwendigen fachlichen Voraussetzungen.
Deutlich wurde dabei auch: Unternehmensnachfolge ist und bleibt ein sehr persönlicher Prozess. Emotionen, Lebenswerke, Vertrauen und die Passung zwischen Alt- und Neuunternehmern spielen eine zentrale Rolle. Digitale und KI-gestützte Plattformen können bei der Suche und Orientierung unterstützen, ersetzen jedoch nicht die individuelle Beratung und den persönlichen Austausch.
Umso wichtiger ist Transparenz über bestehende Unterstützungsangebote. Orientierung bieten beispielsweise die Unternehmenswerkstatt (UWD) der IHKs oder die Plattform „Chance Unternehmensnachfolge“ des RKW Kompetenzzentrums, die Informationen, Praxisbeispiele und weiterführende Hinweise bündelt. Vertiefende Einblicke liefert zudem die RKW-Podcast-Reihe „Chance Unternehmensnachfolge“, in der Erfahrungen und Perspektiven rund um Übernahmen im Mittelstand aufgegriffen werden.
Schnittstellen zum Gründungsökosystem
Mehrfach wurde betont: Nachfolge sollte nicht als Nischenthema betrachtet werden, sondern als Bestandteil des Ökosystems. Schnittstellen bestehen insbesondere bei:
- Beratung und Coaching
- Netzwerkveranstaltungen
- Finanzierung
- Hochschulen und Gründungszentren
- Innovationsnetzwerken wie z.B. Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand, ZIM
Einige Regionen gehen hier bereits voran. So wird Nachfolge beispielsweise strategisch als „alternativer Zugang“ zum Unternehmertum verstanden und systematisch in Gründerzentren mitgedacht. Andere Initiativen kombinieren Gründungs- und Nachfolgeberatung von Beginn an.
Fazit: Mehr Sichtbarkeit für eine strategische Aufgabe
Die Diskussion zeigte deutlich: Unterstützungssysteme sind vorhanden – doch Sichtbarkeit, strategische Verankerung und Zielgruppenansprache bleiben zentrale Herausforderungen. Angesichts der hohen Zahl an anstehenden Übergaben wird Nachfolge zu einer Schlüsselfrage für regionale Standortentwicklung und Innovationsfähigkeit.
Veranstaltungshinweis zum Thema Nachfolge:
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