Rückblick auf die Praxiswerkstatt: Zwischen Strukturwandel und KI – Perspektiven für Unternehmen und Beschäftigte
Mit einem leckeren Kaffee, Obst und veganen Bagels begrüßte das Team vom RZzKI* (Katrin Hartmann und Dr. Tim Schwartz) in Zusammenarbeit mit dem Team des INQA-Netzwerkbüros (Agnese Lahr) zur Praxiswerkstatt in den Räumen des East Side Fab.

Technologiegestaltung e. V. c/o Arbeitskammer des Saarlandes


Wenn Menschen nur noch zuschauen
Den inhaltlichen Einstieg machte Tim Hunsicker von der Universität des Saarlandes. Aus arbeitspsychologischer Sicht zeigte er unter anderem praktische Grenzen des Ansatzes des „Human Oversight“ (menschliche Aufsicht) auf – ein Konzept aus der KI-Governance-Debatte, das mittlerweile auch rechtlich verankert ist: Artikel 14 der EU-KI-Verordnung verpflichtet dazu, dass Menschen KI-gestützte Entscheidungsprozesse kontrollieren oder korrigieren können (Future of Life Institute 2026; Europäische Union 2024). Dies veranschaulichte er beispielhaft an Folgen wie Autonomieverlust, Abfall des aktiven Einsatzes von Fachwissen und dessen Weiterentwicklung und nicht zuletzt der Gefahr von Isolation und Verantwortungsverlust. Damit spannte er die Brücke zur Relevanz einer menschzentrierten Arbeitsgestaltung.
Gut gedacht ist eben noch lange nicht gut gemacht – KI in den Kinderschuhen
In Studien, an denen Hunsicker selbst mitgewirkt hat, zeigte sich: Um KI-Ergebnisse in der Auswertung besser einschätzen zu können, wurden diese mit einer Erläuterung ergänzt. Doch die Erläuterung führte tatsächlich nicht zur erhofften Entlastung, es kam vielmehr zum Gegenteil. So führte die zusätzliche Erläuterung zum KI-Ergebnis beispielsweise im Anwendungsfall eines Analyseprozesses von potenziellen Bewerbenden zu einem Vertrauensanstieg in das KI-Ergebnis und ausbleibender Kontrolle (Hunsicker et al. 2026). Im Anwendungsfall der Medizin – bei der KI-gestützten Diagnose von Augenerkrankungen – führte die zusätzliche Erläuterung zu keiner höheren diagnostischen Genauigkeit, dafür aber zu einer spürbar langsameren Diagnostik im Vergleich zur KI-Unterstützung ohne Erläuterung (Hunsicker et al. 2026a).
Warum technologischer Wandel „Moderation“ braucht
Geschäftsführerin Christine Simon von Walor Stahlbau und Montage GmbH lieferte mit Beispielen aus ihrem Unternehmen einen Einblick in die Praxis. Neben dem technologischen Fortschritt standen vor allem die Mitarbeitenden im Fokus. Die Stahlbau und Montage GmbH beschäftigt Personen in unterschiedlichen Bereichen – vom Büro bis zur Baustelle, der „Front“. Entsprechend unterschiedlich ist das Tagesgeschehen. Was für die einen im Büro passt, ist nicht immer von gleichem Vorteil für die anderen auf der Baustelle. Und dann ist da noch die Generationsthematik, die auch andere Unternehmerinnen und Unternehmer – wie Geschäftsführerin Christine Simon – nur allzu gut kennen: Eine Lösung von der Stange gibt es hier nicht.
Wie geht man also damit um, wenn Mitarbeitende beim technologischen Wandel Veränderungen an die nächste Generation abgeben wollen? Dieser Frage musste sich auch Frau Simon stellen.
Frau Simon, das machen Sie aber ohne mich, ne. Langjähriger Mitarbeiter der Walor Stahlbau und Montage GmbH (mittlerweile ausgeschieden)
So reagierte ein langjähriger Mitarbeiter, als Frau Simon ankündigte, das Unternehmen digitaler aufzustellen. Was macht man dann? und Wie geht man mit solchen Reaktionen um, die von eigentlich sehr loyalen und zuverlässigen Mitarbeitenden kommen? Die Antwort: einen Wandel nicht „allein“ angehen, so Christine Simon – und holte sich regionale Unterstützung bei ihrem INQA-Coaching vor Ort.

KI-Technologie zum Anfassen
Bei der Führung durch die großen Hallen der ZeMA (Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik gemeinnützige GmbH), in der auch das dfki (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz) praxisnah forschen, rückte nun die Technik in den Fokus. Am Beispiel des Nachbaus eines Supermarktregals wurde gezeigt, wie ein Roboter Waren einräumen und falsch platzierte Waren erkennen kann und welche Technik (u. a. Digitaler Zwilling, Augmented Reality und Künstliche Intelligenz) dahintersteckt. Auf die Frage, was passiert, wenn der Roboter „Hilfe“ braucht, wurde erklärt und gezeigt, wie er in Echtzeit aus der Ferne von Menschen gesteuert werden kann.
Nach der Mittagspause wurde es für die Teilnehmenden praktisch. Im gemeinsamen Workshop stand die Frage im Mittelpunkt, was eine erfolgreiche Umsetzung von Technologie ausmacht. Entlang des Spannungsverhältnisses aus Mensch, Technik und Organisation wurde unter anderem über die Bedeutung von technischer Usability gesprochen und über die Vermeidung von Parallelstrukturen. Besonders in Erinnerung geblieben ist das Beispiel „Teams-Einführung“: Im Vergleich zweier Unternehmen wurde Teams unterschiedlich eingeführt. In einem Fall von heute auf morgen. Die Mitarbeitenden wurden gewissermaßen vor vollendete Tatsachen gesetzt: Telefon war gestern, alles lief fortan über Teams. Im anderen Fall wurde die Einführung partizipativ über einen längeren Zeitraum gestaltet, mit dem unerwarteten Nebeneffekt der Entstehung paralleler Strukturen, die zu einer unübersichtlichen Kommunikation führten.

Fazit der Veranstaltung
Weder das schnelle Machen noch das langsame Beteiligen garantiert Erfolg. Erfolgreich wird die technologische Umsetzung dort, wo der Wandel nicht einmalig entschieden, sondern fortlaufend moderiert wird. Eine überaus interessante Veranstaltung, die einmal mehr vor Augen geführt hat, wie breit und komplex das Thema KI ist und bei der es wieder viel Neues zu lernen gab.
Literatur
RZzKI steht für das Projekt „Regionales Zukunftszentrum für KI und digitale Transformation Saarland und Rheinland-Pfalz“ und wird im Rahmen des Programms „Zukunftszentren“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert sowie vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie Saarland und vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz kofinanziert. https://rzzki.de/
Hunsicker, T., Duhl, I., Haubert, P., Onnasch, L., & Langer, M. (2026). Trust the explanation or my expectation? Effects of output accuracy and explanations on expectation violations and trust in AI-supported decisions. International Journal of Human-Computer Studies, 211, Article 103775. https://doi.org/10.1016/j.ijhcs.2026.103775
Hunsicker, T., Schulz, A., Leist, R. A., Kiefer, S., Boden, K. T., Rothaus, K., König, C. J., & Langer, M. (2026a). Efficiency pitfalls of explainable AI in clinical diagnostic and treatment human-AI workflows. Human Factors: The Journal of the Human Factors and Ergonomics Society, 187208261443764. https://doi.org/10.1177/00187208261443764
Europäische Union. (2024). Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juni 2024 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz (KI-Verordnung), Artikel 14 – Menschliche Aufsicht. Amtsblatt der Europäischen Union. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689
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