Was macht ein Startup eigentlich zum Startup? Woher kommt unser heutiges Verständnis von Startups – und wie viel davon ist Mythos, wie viel empirisch belegt? Dieser Fachartikel entstand aus der Präsentation aus dem Online-Erfahrungsaustausch vom 25. August 2026. Dabei geht es um die Herkunft und Entwicklung des Startup-Begriffs, prägende Gründungsgeschichten und die Frage, welche Narrative einer wissenschaftlichen Betrachtung standhalten.

Der KfW-Gründungsmonitor, der Global Entrepreneurship Monitor als auch der Startup Verband haben in den letzten Monaten steigende Gründungsaktivitäten gemeldet. Auch die Unterstützungslandschaft für Gründungen und Startups entwickelt sich dynamisch. Sowohl für die Gründerinnen und Gründer als auch für die unterstützenden Akteure ist es dabei hilfreich, die Unterschiede zwischen einer konventionellen Gründung und einem Startup zu verstehen. Die unternehmerische Ausrichtung und der passende Support weisen jeweils besondere Merkmale auf.   Eine realistische Einordung des Vorhabens, führt zu einer besseren Einschätzung von Zielen und Förderangeboten.

Der Startup-Begriff: Herkunft und Philosophie

Die Vorstellung von dem, was Startups sein sollten, hat ihren Ursprung während der 1960er und 1970er Jahre im Norden Kaliforniens und wurde durch die damalige Gegenkultur geprägt. Diese war ein gesellschaftliches Phänomen und eine politische Bewegung, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt entwickelte. Kennzeichnend waren eine antiautoritäre Haltung gegenüber staatlichen Institutionen und alternative Lebensstile abseits des gesellschaftlichen Mainstreams. In den aufkommenden digitalen Technologien wurde eine Chance gesehen, eine andere Welt zu gestalten. Die Werke der russisch-US-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand schafften mit ihrer Weltanschauung hierfür ein philosophisches Konstrukt und der Kanadier Heribert Marshall McLuhan mit dem Buch „Understanding Media“ (1964) den theoretischen Unterbau.

„From Counterculture to Cyberculture“

Die Historikerin Leslie Berlin beschreibt in ihrem Buch „Troublemakers“ die wegweisenden Jahre zwischen 1969 und 1977 für die Region an der Westküste der USA. In dieser Zeit wurde auch der Begriff „Silicon Valley“ geprägt. Namensgebend für die Region im Norden Kaliforniens war ein Artikel in der Zeitschrift Electronic News im Januar 1971. Als Meilensteine gelten die Schaffung der Grundlagen für die heutige Internet-Infrastruktur, die ersten kommerziellen Entwicklungen von Videospielen, Personal Computern und die Geburtsstunde der Biotechnologie. Getragen wurden die Fortschritte durch die Etablierung des Venture-Capital-Modells als dominierender Wachstumsansatz.

Startup-Prototypen

Welche Gründungen aus der damaligen Zeit stellen Arten von Prototypen für unser Verständnis des Startup-Konzepts dar? Drei Beispiele:

Atari wurde 1972 in Sunnyvale gegründete und gilt als Pionier der Entwicklung von Videospielen und der dazugehörigen Hardware. Eine passende Regulierung gab es damals noch nicht. Das Unternehmen baute rasant Beschäftige und Umsatz auf, schneller als jedes andere Unternehmen bisher in den USA. Ab 1983 folgten ein beispielloser Absturz und schließlich der Verkauf des Unternehmens. Aus heutiger Sicht lässt sich die Geschichte folgendermaßen beschreiben – vom Startup zum Scale-up bis zum Crash.

Die Gründung von Genentech im Jahr 1976 gilt als Geburtsstunde der Biotechnologie. Forschungsarbeiten an der Stanford University und der University of California bildeten die Grundlage für die rekombinante DNA-Technologie. In der Gesellschaft regte sich Widerstand aufgrund der Angst vor der neuen Technologie. Auf dieser Basis konnten schließlich Medikamente zur Behandlung von Diabetes entwickelt werden. Die Zulassung des ersten mit humanem Insulin hergestellte Arzneistoff erfolgte 1982.

Apple wurde am 1. April 1976 in Los Altos gegründet. In der Garage von Steve Jobs Eltern bastelten die Gründer an einem neuen Personal Computer. Ein ehemaliger Intel-Manager besuchte die beiden und war von der Anordnung der Chips auf der Hauptplatine des späteren Apple II begeistert. Er investierte 250.000 USD und trug somit maßgeblich zum Erfolg bei.

Merkmale von Startups und klassischen Gründungen

Die drei Beispiele zeigen charakteristische Merkmale von Startups auf:

  • es gibt keinen klar definierten Markt
  • es gibt häufig keine passende Regulierung
  • Regeln müssen erst neu geschrieben werden
  • es gibt enorme Wachstums- und Crash-Potenziale
  • Forschung schafft die technologischen Grundlagen für das Geschäftsmodell
  • neue Technologien erzeugen Angst in Teilen der Gesellschaft und somit auch Widerstand
  • privates Kapital hat das Potenzial Gründerinnen und Gründer auf die nächste Stufe zu bringen.

Für die Identifikation von Startups, zum Beispiel im Rahmen von Datenerhebungen gelten ind der Regel folgende Kriterien: nicht älter als 10 Jahre, die Gründung erfolgt im Vollerwerb, es gibt früh Beschäftigte oder ein Gründungsteam, es besteht eine ausgeprägte Innovations- und Wachstumsorientierung wobei eigene Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten hierfür eine wichtige Rolle spielen.

Klassische Gründungen verfolgen dagegen häufig einen anderen Weg. Im Vordergrund stehen die Selbstständigkeit und der Aufbau eines Unternehmens für einen kleineren Markt. Beschäftigte oder Angestellte sind bei freiberuflichen Gründungen seltener. Wachstum spielt zwar auch hier eine Rolle, erfolgt aber meist schrittweise und aus dem laufenden Geschäft heraus.

Startups und klassische Gründungen unterscheiden sich damit in ihren Ausgangslagen, Zielen und Entwicklungswegen. Welche Merkmale im Einzelfall im Vordergrund stehen, hängt vom jeweiligen Gründungsvorhaben, Geschäftsmodell und den individuellen Rahmenbedingungen ab.

Die Entwicklung von Gründungs- und Startup-Zahlen

Seit 2023 nimmt die Anzahl der Gründungen in Deutschland zu. Das gilt sowohl für freiberufliche und gewerbliche Gründungen als auch für Startups. Hier die Zahlen nach Quellen für die Jahre 2023 und 2025:

KfW: 568 000 → 690 000: +21 % (alle Gründungen)

IfM: 227 000 → 277 000: +18 % (nur gewerbliche Gründungen)

Startup-detector: 2 498 → 3 568: +32 % (nur Startups)

Bei den Startups setzt sich der Trend im ersten Halbjahr 2026 fort (+ 3053 Startup-Neugründungen). Die Zahlen zeigen, dass die Dynamik im Startup-Segment im betrachteten Zeitraum höher als in anderen Gründungsbereichen. Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage, welches Umfeld für Gründungen und Startups wichtig ist, um erfolgreich zu sein. Konkret geht es um Elemente, wie Kapital, Wissen, Netzwerke, regionale Nachfrage, Talente, Intermediäre und die Infrastruktur.

Konfiguration erfolgreicher Gründungsökosysteme

Eine Gruppe von Forschern hat sich die Ausprägung von Elementen und Standortfaktoren in mehr als 200 Regionen Europas angeschaut, eine umfassende Datenbasis aufgebaut und diese in den Zusammenhang mit den Gründungsaktivitäten gestellt. Insgesamt wurde die Entstehung von über 31.000 Startups untersucht. Die Leitfrage dabei lautete: Welche Konfiguration von Elementen und Standortfaktoren führt dazu, dass eine Region zu den Top-25 % der betrachteten Regionen gehört? Das Ergebnis: Tatsächlich ist eine überdurchschnittliche Ausprägung nicht von allen Elementen notwendig, um dem oberen Viertel aller Startup-Regionen anzugehören.

Da es nie ganz klar ist, mit welchen Schritten eine Region auf das nächste Level gebracht werden kann und auch die Messbarkeit zwischen Unterstützungsmaßnahmen und ihrer Wirkung oft nur schwer möglich ist, gibt es eine ganze Reihe von Annahmen und Aussagen, von denen nicht klar ist, ob sie stimmen oder nicht. Eine Diskussion vor dem Hintergrund empirischer Erkenntnisse kann hierbei hilfreich sein.

Mythen und Empirie im Ökosystem

Im Folgenden werden drei Aussagen zu Gründungsaktivitäten in Krisenzeiten, Gründungen durch Frauen und zur Kapitalausstattung im Ökosystem näher betrachtet.

1. „Krisenzeiten sind Gründungszeiten“

Stimmt das wirklich? Die populäre Antwort lautet: Ja. Die wissenschaftliche Antwort lautet: Es kommt darauf an. Empirisch zeigt sich: Krisen erhöhen nicht automatisch die Zahl der Startups – sie erhöhen die Selektivität. Die Kohorten, die in Krisen entstehen, sind häufig kapitaldisziplinierter, robuster und stärker problemorientiert. Doch gleichzeitig überleben viele potenziell gute Projekte die Finanzierungsengpässe nicht. Die präzisere Formulierung lautet daher: Krisenzeiten sind keine automatischen Gründungszeiten – sie sind Strukturwandel- und Selektionszeiten im Gründungsökosystem.

2. „Nur 20 Prozent der Gründungen erfolgen durch Frauen“

Die Aussage ist in dieser Form unpräzise. Richtig wäre: Etwa 20% der Startup-Gründer sind weiblich. Über alle Gründungen hinweg beträgt der Frauenanteil knapp 40%. Bei den freiberuflichen Gründungen ist der Anteil von Frauen sogar größer als der von Männern.

3. „In der frühen Gründungsphase gibt es mittlerweile ausreichend Kapital im Ökosystem“

Laut der EU-Kommission bestehen sowohl in der frühen und späteren Phase der Entrepreneurial Journey Engpässe. Diese werden häufig auch als Täler des Todes bezeichnet. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis des Startup-Barometers von EY-Parthenon (Juli 2026): „… die Finanzierungssituation für viele Jungunternehmen [gestaltet sich] hierzulande weiterhin schwierig. Investoren setzen zunehmend auf wenige große Startups und vermeintlich sichere Wetten. Die Folge: Junge und kleine Startups haben im Wettbewerb um Kapital häufig das Nachsehen.“. Anhand der vorliegenden Daten kann die Aussage nicht bestätigt werden.

Die drei Beispiele zeigen, dass es sich lohnt genauer hinzusehen, wenn es darum geht, Netzwerke und Rahmenbedingungen für Startups und Gründungen zu gestalten.

 

Quellen

Adrian Daub (2020): What Tech Calls Thinking. An Inquiry into the Intellectual Bedrock of Silicon Valley. FSG Originals x Logic.

BMWE (2026): Start-up oder klassische Gründung: Warum ist die die richtige Einordnung wichtig. www.existenzgruendungsportal.de

European Commission (2025): The EU Startup and Scaleup Strategy. Choose Europe to start and scale.

EY Pressemitteilung (2026): 5,3 Milliarden Euro Risikokapital für Jungunternehmen in Deutschland im ersten Halbjahr 2026, Ernst & Young

Georg Metzger (2025): Start-ups: Leicht gesagt, aber schwer zu fassen. KfW Research

Leslie Berlin (2017): Troublemakers. Silicon Valley’s Coming of Age. Simon & Schuster Paperbacks.

Mirella Schrijvers, Erik Stam & Niels Bosma (2024): Figuring it out: configurations of high-performing entrepreneurial ecosystems in Europe, Regional Studies, 58:5, 1096-1110.

Lee, Yoowoo, Kim, Jayoung, Mah, Sunghyuck and Karr, Angela (2024): Entrepreneurship in Times of Crisis: A Comprehensive Review with Future Directions, Entrepreneurship Research Journal, vol. 14, no. 3, pp. 905-950.

 

Weitere Inspiration, RKW-Tools und Analysen gibt es hier:  www.gründungsökosystem.de

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