„How can I know what I think until I see what I say?“
Karl E. Weick, 1979, The Social Psychology of Organizing
Das Führen von Teams ist geprägt von widersprüchlichen Erwartungen: stabil führen, aber agil bleiben; Orientierung geben, aber Selbstorganisation zulassen; Entscheidungen treffen, aber Verantwortung teilen. Ein hilfreicher Blick zur Bewältigung dieser anspruchsvollen Anforderung beginnt bei der Frage:
Unter welchen Bedingungen erzeugen Teams eigentlich (bessere) Ergebnisse (als die Hierarchie)?
Diese Perspektive verschiebt den Fokus: Weg von individueller Führungsleistung, hin zu den Bedingungen, unter denen Teams Sinn erzeugen, Entscheidungen treffen und gemeinsam handlungsfähig werden. Denn dort, wo Bedeutung entsteht, entsteht Führung.
Teams als soziale Systeme: selbstorganisiert, aber nicht isoliert
Würde man Teams als bloße Werkzeuge der Organisation betrachten, würde man ihnen nicht gerecht. Sie sind eigenständige soziale Systeme, die ständig auswählen, was in einer Situation relevant wird und was nicht. Sinn entsteht nicht in Köpfen oder Organigrammen, sondern im Miteinander: in Erwartungen, Kommunikationen, Rollen, Deutungen, Rhythmen.
Teams führen sich deshalb immer selbst. Nicht aus Idealismus, sondern aus purer Notwendigkeit: Nur das Team selbst kann entscheiden, welche Aspekte einer Situation Bedeutung für sein Handeln gewinnen. Die Organisation beeinflusst währenddessen Erwartungen, Ziele, Ressourcen, Rollen und Zeitstrukturen – also Bedingungen, unter denen Teamarbeit stattfindet. Und letztlich kann sie den Auftrag verändern oder entziehen und das Team damit auflösen.
Führung entsteht in dieser Kopplung: in der wechselseitigen Abstimmung zwischen Teamwirklichkeit und organisationalen Bedingungen, zwischen dem, was man tut und dem, was man sagt. Um zu verstehen, wie Führung wirksam wird, müssen wir verstehen, in welchen Wirklichkeiten Teams operieren.
Wie Teams Wirklichkeit erzeugen: Die drei Sinndimensionen
Wenn Teams entscheiden, was zählt, kombinieren sie drei Sinndimensionen:
- Sachdimension: „Wie komponieren wir unsere Zielerreichung?“
→ Aufgaben, Prioritäten, Probleme, sachliche Bezüge. - Sozialdimension: „Wer spricht mit wem worüber?“
→ Rollen, Interessen, Erwartungen, Verantwortlichkeiten. - Zeitdimension: „Wie navigieren wir durch Zeit und lernen gemeinsam?“
→ Rhythmen, Reihenfolgen, Vorsteuerung, Vorbereitung, Kompetenzaufbau.
Je nach Situation gewinnen manche Bezüge zwischen diesen Dimensionen Bedeutung und treten in den Vordergrund. Dadurch entstehen drei Wirklichkeiten, in denen Teams jeweils unterschiedlich problematisieren und handeln. Und genau daraus ergeben sich die drei zentralen Modi, in denen auch eine externe Führungskraft anschlussfähig wird.

Abbildung 1 Die drei Wirklichkeiten gelingender Teamarbeit
Resilienz als emergente Qualität
1. Die Wirklichkeit der Umsetzung: Love Track
In dieser Wirklichkeit verbinden Teams das „Was?“ mit dem „Wer?“. Es geht um das zuverlässige Erreichen von Ergebnissen:
- Was ist zu tun?
- Wer übernimmt welche Rolle?
- Wie greifen Aufgaben und Verantwortlichkeiten ineinander?
Handlungsfähigkeit entsteht, wenn Ziele, Rollen, Ressourcen und Erwartungen zueinander passen. Der Führungsmodus hier ist Schützen:
- Prioritäten gegen Ablenkungen absichern
- Ressourcen schützen
- klare Zuständigkeiten ermöglichen
- operative Rituale und Rhythmen stabilisieren
Es geht also um Bedingungen, die es dem Team ermöglichen, in Ruhe gut zu arbeiten. Ohne diese Grundlage wird weder Strategiearbeit noch Anpassung gelingen.
2. Die Wirklichkeit der Strategie: Change Tracks
Hier fokussieren Teams die Bezüge zwischen der Sach- und Zeitdimension. Im Fokus steht die Bedeutung des eigenen Handelns im Zeitverlauf:
- Was bedeutet unsere Entscheidung heute für morgen?
- Welche Entwicklungen beeinflussen uns?
- Wie können wir das, was wir können, besser nutzen?
Handlungsfähigkeit entsteht, wenn Teams verstehen, wo sie stehen und wohin sie navigieren sollten. Der passende Führungsmodus ist Orientieren:
- Möglichkeiten nutzen
- Muster besprechbar machen
- Konsequenzen aufzeigen
- Bedeutsames von Unbedeutendem unterscheiden
Es geht also um die Beziehungen zwischen Vergangenheiten (was lernen wir?) und Zukünften (Was könnte funktionieren?) mit den gegenwärtigen Möglichkeiten, das Notwendige zu tun.
3. Die Wirklichkeit der Anpassung: Explore Tracks
Abseits der Sachebene geht es um Kompetenzen, Lernen, Entwicklung und Übergänge. Dort, wo das „Wer?“ auf das „Wann? trifft, geht es dann um Fragen, wie:
- Was lernen wir gerade?
- Welche Routinen müssen wir loslassen?
- Welche Rollen, Beziehungen oder Arbeitsweisen brauchen Veränderung?
- Wie experimentieren wir, ohne uns zu verlieren?
In Situationen, für die das bisherige Ziel nicht mehr trägt, entsteht Handlungsfähigkeit durch Loslassen. Auf dieser Grundlage kann es gelingen, Neues zu entwickeln – ohne zu zerfallen. Der passende Führungsmodus ist Erlauben:
- Optionen öffnen
- Experimente absichern
- Übergänge begleiten
Es geht also um das Gestalten eines Möglichkeitsraums, in dem sich das Team Neues erschließen und Altes loslassen kann.
Der Tanz zwischen Organisation und Team
Zwischen Organisation und Team entsteht auf diese Weise ein fortlaufendes Resonanzgeschehen. Die Organisation formuliert Erwartungen, Ziele, Rollen und Zeitstrukturen – und bestimmt damit, welche Selektionsmöglichkeiten einem Team überhaupt zur Verfügung stehen. Doch was davon im Team Relevanz erhält, selektiert das Team selbst. Es interpretiert, verschiebt, transformiert und kombiniert externe Erwartungen zu einer eigenen situativen Logik.
Dieses Zusammenspiel ähnelt eher einem Tanz als einer Steuerung: Beide Seiten reagieren aufeinander, ohne dass eindeutig wäre, wer führt. Abweichungen stehen dabei immer unter Rechtfertigungsdruck – je größer sie sind, desto stärker. Eine Vorgabe der Organisation kann im Team zu einer Frage werden. Eine Frage des Teams kann zu einer Präzisierung der Ziele führen. Eine Irritation kann eine Anpassung auf beiden Seiten auslösen. Orientierung entsteht nicht linear, sondern durch Kopplung.
Je nachdem, wie viel Spielraum sich aus dieser Kopplung ergibt, verändert sich die Leistungsfähigkeit des Teams.
- Geringe Spielräume in der Gestaltung des „Was?“, „Wer?“ und „Wann?“ schaffen Klarheit und Stabilität – allerdings auf Kosten des Problemlösungspotenzials.
- Weite Spielräume erhöhen das Problemlösungspotenzial deutlich – allerdings nur, wenn ein Team in der Lage ist, Verantwortung, Rollen und Zeitstrukturen selbst zu gestalten.
Je enger Ziele definiert sind, je starrer das Miteinander organisiert ist und je folgenloser Zukunftsperspektiven bleiben, desto weniger Anschlussmöglichkeiten lassen sich aus den Sinndimensionen kombinieren. Im Extremfall verliert ein Team seine Gruppenkohärenz und wird zur seriellen Ansammlung einzelner Beiträge. Die Einbettung des Teams in die Organisation entscheidet also maßgeblich darüber, ob ein Team gefesselt, überfordert oder handlungsfähig ist.
Was Führungskräfte daraus lernen können
Führung ist eine Teamqualität und kein Eigenschaftsbündel. Im Miteinander unterscheiden sich die Voraussetzungen gelingender Teamarbeit je nach operativer Wirklichkeit des Teams:
- In der Umsetzungsphase braucht das Team Schutz – keine Veränderungsimpulse.
- In der Strategiephase braucht es Orientierung – keine operative Einmischung.
- In der Anpassungsphase braucht es Erlaubnis – keine Stabilisierung.
Führung wird dysfunktional, wenn der Modus nicht zur Wirklichkeit passt:
- Schutz im falschen Moment lähmt.
- Orientierung zur falschen Zeit verwirrt.
- Freiheit ohne Grundlage überfordert.
Wirksam wird Führung dort, wo sie anschließt – wo sie erkennt, wie das Team gerade Sinn erzeugt, und Bedingungen schafft, die diese Selektionsleistung unterstützen.
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