Hauptberuflich bin ich Gründer

Christian Vollmann im Interview

Nebenan.de Balkon

Veröffentlicht: 06.08.2018

Projekt: Startup meets Mittelstand

Zusammenfassung: Serial Entrepreneur und Investor Christian Vollmann ist an 40 Startups beteiligt und offen für die Zusammenarbeit mit Mittelständlern.

Christian Vollmann ist Gründer von nebenan.de und bringt Menschen aus der Nachbarschaft zusammen. Als Netzwerkexperte, Serial Entrepreneur und Serial Investor macht er sich gerade in der Startup-Szene einen Namen. Ob er findet, dass Startups und Mittelständler zusammengehören und miteinander, statt nebeneinander existieren können, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

 

Chriatian Vollmann im Interview mit Alexandra Koch

 

Herr Vollmann, als Serial Investor haben Sie schon einige Startups begleitet. Wie viele waren das bislang?
Christian Vollmann: Ich war seit 2005 in gut 70 Beteiligungen involviert. In den 13 Jahren hatte ich zehn erfolgreiche Exits und circa 20 Insolvenzen. Somit bleiben etwa 40 aktive Beteiligungen.

Bei uns treffen sich Jung und Alt, Hartz-IV-Empfänger und Anwalt – wir sind schichten-, herkunfts- und altersübergreifend."

Das ist eine ganze Menge. Kümmern Sie sich um alle Beteiligungen mit gleicher Intensität?
Ganz automatisch kümmert man sich stärker um die, die einem mehr am Herzen liegen und andere laufen auch gut, ohne eine intensive Betreuung. So verteile ich dann meine Ressourcen. Als Business Angel hilft man viel am Anfang einer Gründung, später kommen Investoren hinzu und übernehmen die Betreuung. Hauptberuflich bin ich aber Gründer, Business Angel ist nur eine Nebentätigkeit. Derzeit kümmere ich mich um meine eigene Gründung: nebenan.de mit 45 Angestellten. Ein Nachbarschaftsportal, in dem sich Menschen aus der näheren Umgebung online treffen können.

Was ist das Besondere an Ihrem Unternehmen?
Wir sind ein Social-Impact-Startup mit einem Hybridmodell. Wir hatten uns am Anfang überlegt, ob wir als „non-profit“– ähnlich wie Wikipedia – oder „for-profit“ gründen. Schlussendlich haben wir uns entschieden, beides zu machen. Als „for-profit“ können wir ein Geschäftsmodell entwickeln, Investorengelder einsammeln und die lokalen Werbetreibenden einbinden. Gleichzeitig haben wir als „non-profit“ eine 100 Prozent gemeinnützige Tochterstiftung, die sich durch Spenden finanziert und das Ziel hat, den nachbarschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Als chronologischer Nachrichtenfeed aus der Nachbarschaft ist nebenan.de der Gegenentwurf zur Filterblase: Was in der Nachbarschaft passiert, wird chronologisch angezeigt und nicht gefiltert. Bei uns treffen sich Jung und Alt, Hartz-IV-Empfänger und Anwalt – wir sind schichten-, herkunfts- und altersübergreifend. Somit erreichen wir das, was wir wollen: Eine Gesellschaft, die miteinander redet.

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Können Mittelständler und Startups ebenso nachbarschaftlich zusammenarbeiten?
Wir Startups sind da sehr offen. Man muss nur mit dem richtigen Mindset und der richtigen Einstellung zu uns kommen. Wir helfen uns gegenseitig und fragen nicht sofort: „Was kriege ich zurück, wenn ich dir helfe?“, sondern jeder hilft zu einem anderen Zeitpunkt im Netzwerk, bei einem anderen Problem. Wir nennen das Pay Forward. Gemeinsam ist man eben stärker. Genauso funktioniert ja auch nebenan.de.

Im Vergleich zu einem Mittelständler sind Startups agiler und auf einen schnellen Exit aus. Warum denken heutige Gründer so schnelllebig und nicht langfristig?
Ich glaube einer der Hauptunterschiede liegt darin, dass im digitalen Bereich die Gesetzmäßigkeiten völlig anders sind als bei einem physischen Produkt. Sehr viele deutsche Mittelständler sind Traditionsunternehmen, manche schon in der dritten und vierten Generation. Die meisten haben physische Güter produziert wie Maschinen oder Anlagetechnik.

Digitale Produkte unterscheiden sich im Wesentlichen von physischen Produkten durch zwei Merkmale: Die marginalen Grenzkosten und die Netzwerkeffekte. Bei Online-Plattformen sind die Grenzkosten eines oder vieler Nutzer marginal. Somit bin ich mit meinem Geschäftsmodell skalierbar. Bei der physischen Produktion kostet jedes Produkt ähnlich viel - egal, ob es zehn oder 10.000 Stück sind.

Netzwerkeffekt bedeutet, dass man Menschen miteinander verbinden kann. Zwei Menschen können miteinander reden, drei können bereits wählen, mit wem sie kommunizieren möchten, mit 3 Millionen Menschen sind die Möglichkeiten der Kommunikation nahezu unbegrenzt. Damit steigt auch der Wert des Netzwerks. Bei Netzwerken wie digitalen Marktplätzen oder sozialen Medien (beispielsweise Amazon oder Facebook) können „Winner-takes-it-all-Effekte“ entstehen. Diese Netzwerke haben vielleicht zwei oder drei Konkurrenten, aber mehr Netzwerke überwinden die kritische Masse in der Regel nicht. Hier muss man als Anbieter schnell agieren und das bedeutet, auch schnell und entschlossen zu investieren.

Netzwerken um des Netzwerkens willen, davon halte ich gar nichts."

 

Dieses Interview erschien in voller Länge im RKW Magazin 1|18. Wenn Sie das gesamte Interview lesen möchten, können Sie sich das RKW Magazin als PDF runterladen.