Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Begriff, für den keine breit akzeptierte Definition existiert. (Schmelzle 2025)

Was konkret unter dem Begriff „Künstliche Intelligenz (KI)“ verstanden wird, hängt stark von der wissenschaftlichen Perspektive ab. Im Alltagsverständnis wird mit KI ein breites Bild verbunden, da der Begriff meist eher ein Verkaufsversprechen als eine klar abgrenzbare Technologie beschreibt. Für die einen ist „KI“ gleichbedeutend mit ChatGPT, für andere schließt es Spam-Filter, Navigations-Apps oder Empfehlungssysteme ein. Im vorliegenden Beitrag geht es vor allem um das Alltagsverständnis von „KI“, das primär mit Sprachmodellen verbunden ist.

Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage (2026) nutzt bereits ein Drittel der Befragten mindestens einmal pro Woche KI, beruflich wie privat. Sei es für das Verfassen von Texten, die Unterstützung bei Projektarbeiten oder als Inspiration fürs nächste Kochrezept. „Frag mal Chatty.“ „Ich habe die KI gefragt.“ „Die KI denkt und lernt.“ Sätze, die mir in den letzten Monaten in fast jedem Gespräch begegnet sind, im Büro, beim Netzwerktreffen, sogar am Küchentisch. Antworten sind nur noch einen Prompt entfernt. Und genau hier setzt meine Beobachtung und Frage an: Bekommen wir aktuell zu schnell zu viele Antworten, noch bevor wir uns fragen konnten, ob es überhaupt die richtigen Fragen sind?

Angekommen, aber nicht verstanden?

Ganz ohne KI zu arbeiten, wird schon bald kaum noch die Regel sein: 81 Prozent der Unternehmen sowie rund zwei Drittel der Bevölkerung betrachten KI als wichtigste Zukunftstechnologie (Bitkom 2025). Bereits 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen KI aktiv ein (Bitkom 2026a). Von den Beschäftigten selbst haben 38 Prozent über ihren Arbeitgeber Zugriff auf KI-Anwendungen, gut ein Viertel nutzt sie aktiv. Als zentrale Gründe für den Einsatz von KI werden Zeitersparnis, Reduktion von Komplexität, Wissensaneignung und Inspiration genannt, wobei KI als „Coach“ oder „Sparringspartner“ fungiert (Bitkom 2026).

Wo es hakt, ist das betriebliche Lernen. Nur gut jeder Fünfte (21 Prozent) hat bisher eine angebotene KI-Fortbildung genutzt, die Mehrheit erhielt überhaupt kein Angebot (Bitkom 2026). Die Technik ist also schneller im Alltag und auf den Schreibtischen angekommen als in den Weiterbildungsplänen der Unternehmen.

Lernen wir noch oder konsumieren wir nur?

Gleichzeitig wissen wir um die Bedeutsamkeit von „lebenslangem Lernen“, aber wenn dem Wissen selbst eine immer kürzere Halbwertszeit attestiert wird, frage ich mich: Lernen wir eigentlich noch, wenn wir mit dem Sprachmodell chatten, oder konsumieren wir bloß Muster in Form von vermeintlichem Wissen?  

KI ist kein Mensch. Sie denkt nicht. Sie fühlt nicht. Sie versteht nicht. Sie berechnet. Auf Basis von Mustern, Wahrscheinlichkeiten und Zielfunktionen, die je nach Hersteller variieren. (Brodbeck 2026)

Eine KI kann nicht lernen, auch wenn man das, was sie tut – die Verbesserung ihrer Mustererkennung –, gern mit „lernen“ beschreibt. Diese Analogie suggeriert ein Lernen, das gar keines ist. Das Optimieren eines Modells in Form einer verbesserten Wahrscheinlichkeitsberechnung oder Mustererkennung ist kein Lernen. Das ist keine rhetorische Spitzfindigkeit. Lernen braucht ein echtes Miteinander: einen Dialog, der die (kritische) Auseinandersetzung des Ichs mit der eigenen Umwelt ermöglicht. Es braucht aber auch Erfahrung und Zeit, dass das Prüfen eigener Annahmen und Handlungen erlaubt.  

Was geschehen kann, wenn das alles wegfällt, zeigt ein Phänomen, das gerade einen Namen bekommen hat: Workslop (Harvard Business Review 2026). Damit ist KI-generierte Arbeit gemeint, die nach gutem Output aussieht, der aber die Substanz fehlt. Die Mühe des Nachbesserns landet dann beim Nächsten. Das Tückische ist: das Ergebnis sieht fertig aus, also schaut niemand mehr genau hin. Eine KI-Antwort, die plausibel klingt, ersetzt das Prüfen, und wir merken nicht, dass wir aufgehört haben, zu fragen.

Sichtbar wird das längst im Employer Branding: Neue Karriereseiten, starke Claims, KI-gestützte Bildwelten entstehen schneller denn je. Und gleichzeitig beginnen viele Arbeitgebermarken, austauschbar zu wirken. KI macht das Employer Branding effizienter, aber nicht automatisch relevanter. Denn wenn alle aus demselben Muster schöpfen, gleichen sich die Ergebnisse an und genau die Unterscheidbarkeit, auf die es ankommt, geht verloren.

Was Sokrates mit Unternehmen und KI zu tun hat

Sokrates hat den vielleicht bekanntesten Satz der Philosophiegeschichte gesagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Er hat seine Gesprächspartner nicht belehrt, sondern Fragen gestellt, bis sichtbar wurde, wo das Wissen brüchig war und wo der blinde Fleck lag. Genau dieser Modus geht im Dialog mit einer KI verloren, und zwar unbemerkt. In der erwähnten Bitkom-Studie (2026) wird von den Befragten die Nutzung von KI-Sprachmodellen u. a. als „Sparringspartner“ bezeichnet. Das Wort trifft das Missverständnis ziemlich genau: Ein echter Sparringspartner widerspricht, fragt zurück, setzt dem eigenen Denken etwas entgegen. Die KI bestätigt und glättet. Sie hat die Form des Gesprächs, aber nicht seinen Widerstand. Wir führen also einen Dialog, der keiner ist, und gewöhnen uns daran. Genau das macht auf Dauer etwas mit uns: mit der Art, wie wir Fragen stellen, wie wir miteinander reden, ob wir Widerspruch überhaupt noch aushalten.

Der Erfahrungsraum – sichtbar, gerade weil er schwindet?

Ein Erfahrungsraum, davon bin ich überzeugt, ist die eigentlich knappe Ressource. Räume, in denen Menschen miteinander sprechen, denken und lernen. Jetzt kommt die KI dazu und sie ist – das muss man fairerweise sagen – ein faszinierendes Werkzeug. Sie liefert Antworten in einer Geschwindigkeit und trügerischen Selbstsicherheit. Warum dreißig Minuten diskutieren, wenn der Chatbot in zehn Sekunden einen Vorschlag liefert? Und ich nehme mich da nicht aus. Doch in Wahrheit bleibt es selten bei diesen zehn Sekunden, oder?

Die Antwort darauf ist unbequem: Weil die vermeintlichen zehn Sekunden Sie genau das kosten, was Ihr Unternehmen langfristig zukunftsfähig macht. Die Fähigkeit, eigene Annahmen zu hinterfragen. Die Fähigkeit, blinde Flecken zu erkennen. Denn – das wird oft übersehen – KI rekombiniert vor allem das, was schon da ist.

Damit ist die Frage aus dem Titel größer, als sie zunächst klingt. Es geht nicht nur darum, ob wir der KI die richtigen Fragen stellen. Es geht darum, ob der Anlass erhalten bleibt, gemeinsam nachzudenken. Denn das geschah nicht nur gezielt in moderierten Runden wie Teammeetings, sondern auch beiläufig im kollegialen Austausch, im Flurgespräch, in der Diskussion über ein Problem. Es war nie ein Programmpunkt, es war einfach da. Und genau das macht es so verletzlich: Wo die Antwort schon bereitliegt, fällt der Grund zum Gespräch vielleicht schnell weg, ohne dass es jemandem auffällt.

Drei Fragen, die ich KMU gerne mitgeben würde

Wenn Sie ein kleines oder mittleres Unternehmen führen oder Verantwortung im mittleren Management tragen, sind das aus meiner Sicht drei Fragen, die aktuell genauso relevant sind wie die nach dem Potential dieser faszinierenden Technologie. Es geht dabei nicht um ein Urteil, sondern um die Bedingungen für das Miteinander – das gemeinsame Denken, den Austausch, das Lernen – und darum, wie diese sich gerade unbemerkt verändern.

  • Erstens: Wo könnte gemeinsames Denken verloren gehen, wenn die Antwort schnell bereitliegt?
  • Zweitens: Liefert die KI bei Ihnen den Anstoß für ein Gespräch, oder tritt sie an seine Stelle?
  • Drittens: Welche Lernkultur haben Sie, und wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Team darüber gesprochen, wie bei Ihnen gelernt wird, nicht was?

Worum es im Kern geht

Wir leben in einer Zeit, in der Geschwindigkeit als Tugend gilt und Antworten als Währung. Beides ist verführerisch, und beides hat seinen Preis. Wer als Unternehmen langfristig bestehen will, braucht etwas, das KI nicht liefern kann: Menschen, die miteinander denken, einander widersprechen, gemeinsam Annahmen prüfen und bereit sind, Verantwortung auch bei Ungewissheit zu übernehmen.

Sie möchten diese Fragen mit Ihrem Team weiterdenken? Das RKW Kompetenzzentrum begleiten kleine und mittlere Unternehmen direkt praxisnah und zukunftsorientiert oder auch als Konsortialpartner im Projekt „Zentrum Zukunft der Arbeitswelt“ (ZZA). Mehr unter zukunftszentren.de.

Literatur:

Bitkom (2025): Künstliche Intelligenz in Deutschland 2025
Biktkom (2026a): Digitalisierung der Wirtschaft 2026
Bitkom (2026): Künstliche Intelligenz: Der Blick der Deutschen auf die neue Technologie 2026
Brodbeck (2026): Executive Coach · Verhaltensentwicklung in Führung und Zusammenarbeit
Harvard Business Review (2026): Why People Create AI “Workslop”— and How to Stop It
Schmelzle (2025): Wieso KI-Forschung und Politik nachlegen müssen

Bildquellen und Copyright-Hinweise
  • © Natalya Kosarevich / iStock.com – Blogbeitrag_KI_und_Frage_iStock-2207505300.jpg

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