Mobile Information und Navigation – Zur Entwicklung barrierefreier Software- Anwendungen
Ginger Claassen
Unsere Gesellschaft wird älter und bekanntlich treten mit dem Alter zunehmend körperliche Beeinträchtigungen auf. Dies bedeutet, dass wir unseren Lebensalltag anpassen und neue Strategien entwickeln müssen. Damit ändern sich unsere Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen, denn „die Alten von morgen sind nicht die Alten von heute“. Computer, Internet, mobile Endgeräte und Dienstleistungen werden eine Selbstverständlichkeit sein, die aus dem ganz normalen Alltag nicht mehr wegzudenken sind und die alle Menschen benutzen wollen und werden müssen.
Umso mehr ist es erstaunlich, dass im Zeitalter der mobilen Kommunikation die meisten mobilen Anwendungen nicht uneingeschränkt im "mobilen Kontext" genutzt werden können. Generell erfolgt bei heutigen mobilen Endgeräten die Ein- und Ausgabe über den (TouchBildschirm und wird nur partiell durch Sprache unterstützt. Die Interaktion mit dem Bildschirm kann aber in einigen Situationen schwierig (Einhand-Bedienung) oder sogar gefährlich sein, zum Beispiel bei aktiver Teilnahme am Straßenverkehr.
Es gibt aber bereits einige wenige Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht – dass man mobile Anwendungen im mobilen Kontext nutzen kann, ohne sich oder andere zu gefährden.
Die alternde Gesellschaft sowie die mangelnde Berücksichtigung des mobilen Kontextes bieten besonders für kleine und mittlere Unternehmen Chancen. Dabei sind zwei alternative Strategien möglich:


Bei Aufträgen oder Ausschreibungen, die mit Mitteln der öffentlichen Hand finanziert werden, ist Barrierefreiheit bereits ein fester Bestandteil, der Menschen mit Behinderungen zur gleichberechtigten Teilhabe verhilft aber auch allen anderen Nutzern zugutekommt.
Bei Aufträgen / Ausschreibungen aus der Privatwirtschaft / Industrie hat es sich als effektiv erwiesen, das Argument der „Enhanced User Experience“, das heißt, die Erweiterung der potenziellen Nutzer und Käufergruppe in den Vordergrund zu stellen. Dieses Konzept überzeugt Manager und kann strategisch im Produktmarketing als „neues Feature“ genutzt und verkauft werden.
An dieser Stelle mag man schnell – voreilig – zu dem Schluss kommen, dass das soweit alles recht gut klingt, aber von der technischen Seite her bestimmt nur mit großem Aufwand umsetzbar ist und viel Geld und Zeit kostet. Diese Annahme wird im Folgenden widerlegt und es wird eindeutig klar, dass hier mit äußerst geringem Mehraufwand Anwendungen entwickelt werden können, die Smartphone-Nutzern im Allgemeinen und Menschen mit Hör-, Seh- oder motorischen Einschränkungen im Besonderen zugutekommen.
Als momentan marktbeherrschende Betriebssysteme für Smartphones haben sich Apple´s IOS sowie Google Android durchgesetzt.
Apple und Google bieten standardmäßig in das System integrierte Bedienungshilfen für Menschen mit Behinderungen an. Hierzu zählen die Screen Reader VoiceOver bzw. TalkBack, die es Blinden und Sehbehinderten ermöglichen, Eingaben via Touch Screen zu tätigen und die Ausgabe per synthetischer Sprache oder angeschlossener Braillezeile zu erfassen. Weiterhin bieten beide Hersteller entsprechende Design- und Entwicklungsdokumentationen zur Erstellung barrierefreier Anwendungen. Auch das Argument „Barrierefrei gleich unattraktives Design“ kann schnell widerlegt werden, wenn man Anwendungen wie zum Beispiel Navigon oder den DB Navigator betrachtet.
Die Verwendung von Navigationssoftware auf mobilen Endgeräten wird insbesondere von älteren und behinderten Menschen als hilfreich angesehen. Dabei stellt sich die Frage nach dem zu verwendenden Kartenmaterial. Hier fällt den meisten als erstes Google Maps ein. Allerdings sind die von Google zur Verfügung gestellten Karten kommerziell nicht frei einsetzbar und zweitens, weitaus wichtiger, liefert Google nur eine „fertige“ Karte. Das bedeutet, dass die Karten nicht durch eigene Informationen, wie zum Beispiel Sitzmöglichkeiten in einer Wanderanwendung für Ältere, angereichert oder in der Darstellung , wie zum Beispiel Änderung der Schriftgröße / des Kontrasts für Sehbehinderte, verändert werden können. Hierfür benötigt man Kartenmaterial in Form von „rohen“ Geodaten, dem sogenannten Vektorformat. OpenStreetMap (OSM) ist ein Projekt, welches sich zum Ziel gesetzt hat, eine freie Weltkarte zu erstellen. Es bietet diese Form von Geodaten lizenzkostenfrei unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Lizenz an. Die Verwendung der OSM Geodaten bietet mehrere entscheidende Vorteile:
- Lizenzkostenfreier kommerzieller Einsatz
- Für Deutschland bereits komplett verfügbar und sehr detailliert
- Ständige und vor allem schnelle Aktualisierung durch die freiwilligen OSM Unterstützer
- Bereitstellung als „fertige“ Karte oder Vektordaten
- Verfügbarkeit von Spezialinformationen, wie blindengerechte Ampeln, rollstuhlgerechte Gebäude, etc. wurden bereits von Nutzern erfasst und werden ständig erweitert
Das Verarbeiten und Manipulieren von Vektordaten erfordert ein erhebliches Maß an Spezialwissen, welches bei vielen kleineren und mittleren Unternehmen noch nicht im ausreichenden Maße vorhanden ist. An dieser Stelle kann das im Rahmen des EU geförderten Forschungsprojektes HaptiMap entwickelte Toolkit zum Einsatz kommen. HaptiMap, Haptic, audio and visual interfaces for maps and location based services, hat es sich zum Ziel gesetzt, kartenbasierte Anwendungen barrierefreier zu gestalten und so die Zahl der Nutzer zu vergrößern, die gängige Anwendungen ohne spezielle Anpassungen verwenden können. Ein Schwerpunkt des Projektes lag auf der Entwicklung von Werkzeugen und Methoden, die es Entwicklern einfacher machen, alternative multimodale Benutzerschnittstellen in ihre Anwendungen zu integrieren. So bleibt den Entwicklern mehr Zeit, sich voll und ganz auf die Nutzbarkeit und Barrierefreiheit ihrer Anwendung zu konzentrieren.
Das HaptiMap Toolkit stellt eine einfache Programmierschnittstelle zur Verfügung, hinter der die Komplexität im Umgang mit Kartendaten und verschiedenen Einund Ausgabeformen versteckt wird.

Das Toolkit kann vektorbasierte Kartendaten verarbeiten, was die Grundvoraussetzung für multimodale Nutzerinteraktion ist - im Gegensatz zu vorberechneten Kartenkacheln wie sie zum Beispiel von Google zur Verfügung gestellt werden. Dies hat weiterhin den Vorteil, dass weniger Daten übertragen werden müssen und ein größerer Kartenbereich auf dem mobilen Endgerät selbst gespeichert werden kann. Dadurch verringert sich auch die Antwortzeit bei der Darstellung von Kartenbereichen und bei der Berechnung von Routen.
Weiterhin existieren bereits mehrere Module um Kartendaten und POIs (Points of Interest) aus verschiedenen Quellen zu importieren und zusammenzufügen. Intern werden die Daten in einem integerbasierten Koordinatensystem gespeichert, was die Verarbeitung und beispielsweise die Berechnung von Entfernungen für Entwickler stark vereinfacht, da keine Kenntnisse im Bereich von Referenzmodellen vorausgesetzt werden.
Durch die Verwendung von Vektordaten und die daraus resultierende Berechnung der Kartendarstellung auf dem Endgerät bietet sich die Möglichkeit, mittels des Toolkits die Darstellung für spezielle Endnutzer und / oder Umgebungsbedingungen (helles Sonnenlicht) anzupassen, zum Beispiel indem der Kontrast erhöht wird, Bezeichnungen in größerer Schrift angezeigt werden oder bestimmte POIs hervorgehoben werden.
Das Toolkit beinhaltet bereits mehrere MenschMaschine-Interaktionsmodule (MMI), die auch einfach in bereits existierende Programme integriert werden können, um dem Nutzer alternative Ein- / Ausgabemöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Zu erwähnen wären hier der sogenannte Geigerzähler, der akustisch die Richtung eines Zieles vermittelt oder das sogenannte Baringmodul, welches mittels Vibration arbeitet.
Die Schnittstellen sowohl für die interne Geodatenbank als auch für die Abfrage von geräteinternen Sensoren und Ansteuerung von Aktuatoren sind ausreichend dokumentiert, so dass Entwickler ohne großen Aufwand eigene Module programmieren können, um weitere Datenquellen zu integrieren oder zusätzliche Hardware anzusprechen.
Das Toolkit wurde plattformübergreifend entwickelt und unterstützt Android, IOS, Symbian, Windows Mobile 6.x im mobilen und Windows, Linux und MacOS im stationären Bereich.
Da die Ansteuerung von externer Hardware via Bluetooth unter IOS nicht ohne weiteres möglich ist, wurde eine WLan-Bluetooth-Bridge entwickelt, die diese Einschränkung zu Testzwecken umgeht. Falls die Nutzung selbstentwickelter, externer Hardware im kommerziellen Umfeld danach gewünscht wird, kann bei Apple eine Freigabe beantragt werden.
Das Toolkit kann unter www.haptimap.org im Quellcode heruntergeladen werden. Es ist unter der LGPL Lizenz veröffentlicht und bietet daher die Möglichkeit, selbst entwickelte Module zu lizenzieren, falls dies notwendig oder gewünscht ist.
Weiterhin findet man auf der Webseite Tutorien, Dokumentationen, Beispiele und Links auf ein Forum und eine Mailingliste, wo man bei Problemen oder Fehlern Hilfe bekommt.
Durch die freie Verfügbarkeit des Toolkits sowie des Kartenmaterials steht der effektiven Entwicklung unterschiedlicher barrierefreier Anwendungen nichts mehr im Wege.
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