Kapitel: Weitere positive Effekte von Spätgründungen

Weitere positive Effekte von Spätgründungen

Der Erfolg von Gründungen im mittleren und höheren Alter soll in dieser Studie nicht nur einer rein ökonomischen Betrachtung unterliegen, sondern es sollen auch qualitative Faktoren – zum Beispiel die subjektive Wahrnehmung des Gründers oder die Zufriedenheit mit der Gründungs- entscheidung (persönlicher Erfolg) – in die Gesamtauswertung mit einbezogen werden.

In der Regel ist bei Spätgründungen eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Selbstständigkeit zu verzeichnen, was sich wiederum in der positiven Bewertung der Gründungsentscheidung niederschlägt (Franke, 2012, S. 227 und weitere). Die Zufriedenheit ist in dieser Altersgruppe ein wichtiges Kriterium für die Gründer selbst; allein ökonomische oder monetäre Ziele spielen hingegen eine untergeordnete Rolle.

Vorteile für die Gesellschaft

Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht kommt der Zufriedenheit der Gründer eine große Bedeutung zu, und zwar als Anreiz für eine längere Berufstätigkeit. Die meisten Gründer im mittleren und sogar fortgeschrittenen Alter wollen über das Rentenalter hinaus arbeiten (ebd). Die Frage der Leistungsbereitschaft von älteren Menschen wird dadurch beeinflusst, denn Motivation und Spaß an der Arbeit können die Menschen anspornen, länger berufstätig zu bleiben. "Older entrepreneurs in their 60s can display the energy and commitment you might expect of a person half their age (…). Older entrepreneurs can turn into quite large employers. They are also a cheerful and optimistic group, who are genuinely enjoying what they do" (Small, 2011). Die selbstständige Tätigkeit oder Unternehmens- gründung kann aus diesem Grund als eine neue, eigenständige Erwerbsphase in der beruflichen Laufbahn verstanden werden.

Sozioökonomische Vorteile von Gründungen 45+

Die Förderung der Gründungsbeteiligung von älteren Menschen kann als eine politische Alternative zur Verlängerung der Erwerbstätigkeit dieser Altersgruppen gesehen werden.

Von ihr sind vielfältige sozioökonomische Vorteile zu erwarten. Sie reichen von der Reduzierung der Arbeitslosigkeit in den älteren Bevölkerungsgruppen über die Erhöhung ihrer sozialen Integration, die Verminderung des Anstiegs der Sozial- und Gesundheitsausgaben für eine alternde Gesellschaft bis hin zur Steigerung der Innovationskapazität der Wirtschaft, indem das Human- und Sozialkapital von älteren Menschen für neue innovative Unternehmensgründungen genutzt wird (Franke, 2012, EU, Policy Brief, 2012, Hatak et al., 2013). Anders ausgedrückt: Ältere Gründer können einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels leisten.

Beitrag zum Thema Nachfolge

Auch wichtig an dieser Stelle ist der Beitrag, den ältere Gründer zum Thema Nachfolge leisten können. In vielen Fällen ist die Nachfolge, meistens innerhalb der Familie, von Anfang an in das Gründungsvorhaben der Gründer 45+ eingeplant, was in den USA auch mit dem Begriff "Legacy businesses" bezeichnet wird (Hannon, 2012). Dieses Phänomen ist aber auch in Deutschland zu finden: "Selbstständige jenseits der Mitte haben eher die Nachfolge im Blick; oft bauen sie ein Unternehmen auch im Hinblick darauf auf, dass ihre Kinder dieses einmal übernehmen" (IHK OWL, 2012, S.15). Darüber hinaus kommen ältere Gründer aber auch selbst als Nachfolger in Frage. Dementsprechend schlägt auch die Europäische Union vor, Gründer ab den mittleren Jahren stärker als Zielgruppe in die Übergabeprozesse von bestehenden Unternehmen einzubeziehen (EU/OECD, 2013).

Soziales Unternehmertum

Gründer in der zweiten Lebenshälfte, und vor allem diejenige aus der älteren Altersgruppe, agieren sowohl in Europa als auch in den USA häufig als soziale Unternehmer. Gründungen durch ältere Menschen verfolgen demnach nicht nur ökonomische, sondern auch gesellschaftliche und humanitäre Ziele.

Ein weiterer Aspekt, dem eine hohe Bedeutung beizumessen ist, ist der große Mehrwert im Sinne von Wissenstransfer, der sich für die ganze Gesellschaft aus der eigenständigen Tätigkeit von älteren Menschen ziehen lässt. Solche Menschen, meist mit Erfahrung in Führungspositionen und nicht selten mit einer Unternehmerkarriere hinter sich, werden deshalb zunehmend in Mentoring-Projekte involviert, womit der Wissenstransfer und die Weitergabe an die nächsten Generationen sichergestellt werden soll (Europäische Kommission, 2013).

Vorteile für die Gründer selbst

Nicht zuletzt bietet die Selbstständigkeit von älteren Menschen große Vorteile für die Gründer selbst. Sie bleiben länger aktiv, leistungsstark und motiviert. Die körperliche und psychische Aktivität und die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung haben den Nebeneffekt, die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern: Sie bleiben länger fit und gesund.

"To increase the participation of older people in gainful employment is essential for future prosperity and for financing the pension system in the long run. There is also evidence that working at older ages can confer health and wellbeing benefits" (EU, 2011).

Abschließend soll noch ein älterer Gründer selbst zu Wort kommen. William K. (Bill) Zinke, 85 Jahre alt, gründete 2006 im Alter von 79 Jahren das Center For Productive Longevity (CPL) in Boulder, USA, eine Einrichtung zur Förderung der Gründungstätigkeit von Menschen ab 55 Jahren. Er fasst die Vorteile der Selbstständigkeit im hohen Alter wie folgt zusammen (Hall, 2012):

  1. Nach Jahren der Arbeit für andere und in Übereinstimmung mit festgelegten Richtlinien und Verfahren, kann es die Gründung eines eigenen Unternehmens älteren Menschen ermöglichen, "nach der eigenen Pfeife zu tanzen".
  2. Viele Menschen ab 55 Jahren reizt es, ein Unternehmen zu schaffen, das auf ihre eigenen individuellen Bedürfnisse, Interessen und Wünsche zugeschnitten ist.
  3. In einer Umfrage, die im Jahr 2011 von der AARP durchgeführt wurde, haben fast 80 Prozent der Menschen ab 55 Jahren angegeben, weiterarbeiten zu wollen, mehr als die Hälfte in Teilzeitarbeit. Ihre Motivation: Sie brauchen oder wollen ein zusätzliches Einkommen; sie haben den Wunsch, ihre produktive Tätigkeit fortzuführen; sowie viele andere Gründe, einschließlich der Erkenntnis, dass sie noch 30 Jahre und länger leben werden.
  4. Menschen ab 55 Jahren verfügen über langjährige Erfahrung, viele Kompetenzen, ein gutes Urteilsvermögen und die Fähigkeiten dazu, ein Unternehmen zu gründen.
  5. Menschen ab 55 Jahren können über die Jahre hinweg sehr gute Kontakte in der Geschäftswelt gesammelt haben, die ihnen die Gründung eines Startups erleichtern.
  6. Menschen ab 55 Jahren können Mittel angespart haben, haben Kontakte in die Finanzwelt, die Ihnen eine gewisse Unterstützung bei der Finanzierung des eigenen Gründungsvorhabens leisten und können auf jeden Fall erst einmal in der eigenen Wohnung klein anfangen.
  7. Und schließlich: Menschen ab 55 Jahren, die ihr produktives Leben verlängert haben, leben länger, erfreuen sich einer besseren Gesundheit und sind zufriedener mit dem eigenen Leben als diejenigen, die dies nicht getan haben.

Zwischenfazit:

Es lässt sich festhalten, dass Gründer 45+ eine äußerst heterogene Zielgruppe bilden, wie von der aktuellen Forschung refkletiert wird. Diese Besonderheit macht es umso schwerer, auf ihre sehr unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche zu reagieren und um ihre Beteiligung am Gründungsgeschehen zu erhöhen. Ältere Gründer müssen allein aufgrund ihres Alters viele Barrieren überwinden, die jüngere Gründer nicht belasten. Darunter fallen viele "mentale" Hemmnisse, beispielweise die verbreiteten Klischees zu Altersproduktivität und -leistungsfähigkeit. Nichtsdestotrotz haben sie aufgrund ihrer langjährigen Lebens- und Berufserfahrung viele positive Eigenschaften und Voraussetzungen, die den Erfolg ihrer Gründungsvorhaben positiv beeinflussen können. Aus ihrer Gründungstätigkeit ergeben sich viele Vorteile für die Volkwirtschaft, für die Gesellschaft und für die Gründer selbst.