"Betriebliche Suchtprävention in Kleinst- und Kleinunternehm...

Kapitel: Literaturrecherche

Wie werden KMU bzw. KKU in Fragen der Prävention am besten angesprochen? Gibt es spezielle Zugänge bei Gesundheitsthemen? Welche Fragen beschäftigen KKU?

Die Quellen, auf die im folgenden Kapitel Bezug genommen wird, können der "Tabelle 11: Literaturauswahl zu hemmenden und fördernden Faktoren" im pdf-Dokument des entsprechenden Leitfadens, entnommen werden.

Zur Beantwortung der oben aufgeführten Fragen werden 11 der im Rahmen der Recherche identifizierten Quellen herangezogen. Es handelt sich dabei um Ergebnisse von Modellprojekten und daraus abgeleiteten Empfehlungen. Zudem greifen wir zurück auf die Ergebnisse von Befragungen und den hieraus gezogenen Schlüssen. Weiterhin finden eine Evaluationsstudie, zwei Reviews sowie eine Empfehlung Berücksichtigung.

Der Arbeitskreis "Prävention in der Arbeitswelt" der Spitzenverbände von Unfall- und Krankenversicherung (2004) gibt in seinem Positionspapier zu den Ergebnissen des Integrationsprogramms Arbeit und Gesundheit (IPAG) von Unfallversicherung und Krankenkassen Hinweise für notwendige Kooperationsstrukturen und Präventionsansätze für kleine Unternehmen. Das Modellprojekt aus den Jahren 1998 bis 2001 hatte zum Ziel, neue Methoden und Instrumente zu entwickeln, um die Zusammenarbeit der beiden Sozialversicherungszweige im Bereich der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren in KMU zu optimieren.

Ein Projektschwerpunkt befasste sich mit dem Aufbau branchenbezogener, regionaler Kooperationsstrukturen und der Ableitung von Präventionsansätzen. Für diesen Projektbereich wurden Branchen ausgewählt, in denen überwiegend Kleinund Kleinstbetriebe vertreten sind, wie z.B. das Kfz-Handwerk oder das Fleischerhandwerk.

Auf der Grundlage der in den Projekten gewonnenen Erkenntnisse wurden folgende Empfehlungen für den Aufbau von Kooperationsstrukturen und Präventionsansätzen für KKU abgeleitet:

  • Nutzung der in der Branche vorhandenen Organisationsstrukturen als Forum für die Kommunikation z.B. über Kreishandwerkerschaften oder Innungen.
  • Anbieten schneller, konkreter und greifbarer Lösungen ohne großen organisatorischen und strukturellen Aufwand.
  • Einstieg in ein Projekt über eine für Kleinbetriebe aktuell wichtige Frage (z.B. Abrechnungsverfahren mit der Krankenkasse).
  • Überzeugen der Betriebsentscheider vom betriebswirtschaftlichen Nutzen des Projektes.
  • Kurzfristige und flexible Problemlösungsstrategien.
  • Möglichst geringer Zeit-, Personal- und Finanzaufwand.
  • Systematisches Vorgehen in der Zusammenarbeit von Unfall- und Krankenversicherung.

Abschließend stellt der AK in seinem Papier fest: "Im IPAG wurden neue, intensive Kontakte zwischen Berufsgenossenschaften, Krankenkassen, Branchenvertretern und weiteren Arbeitsschutzinstitutionen geknüpft… Dieses Vorgehen war eine wichtige Voraussetzung dafür, bei den kleinen Betrieben der ausgewählten Branchen Interesse am Arbeits- und Gesundheitsschutz und der betrieblichen Gesundheitsförderung zu wecken. Aufgrund kleinbetrieblicher Strukturen ist überbetriebliche Kooperation besonders sinnvoll. So bieten betriebliche Netzwerke, in denen sich Unternehmerinnen und Unternehmer gleicher oder ähnlicher Branchen zusammenschließen, um Erfahrungen auszutauschen und Probleme in einem "betrieblichen Netzwerk" zu lösen einen weiteren interessanten Ansatz für mehr Gesundheit in kleinen Unternehmen."

Rexrodt und Ramsauer (2004) berichten von einem Projekt, dessen Ziel es war, ein Beratungskonzept für KMU zu entwickeln, das geeignet ist, mit Maßnahmen der Prävention und Rehabilitation der Ausgliederung von gesundheitlich beeinträchtigten Mitarbeitern entgegen zu arbeiten. Das Konzept basierte auf Beratungen, die das Ziel verfolgten, einen Erhalt des Arbeitsplatzes von Beschäftigten zu erreichen oder schwerbehinderte Menschen in Betriebe einzugliedern.

Ein besonderes Gewicht wurde auf das Gewinnen von Ansprech- und Kooperationspartnern bei Kammern, Innungen, Unternehmensverbänden und Krankenkassen gelegt. Durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit in Fachorganen von Handwerksverbänden und der regionalen Tagespresse wurde für das Projekt geworben.

Zur Umsetzung des branchenunabhängigen, niederschwellig und auf einem aktiven Ansatzes (nicht auf der vorherrschenden "Komm-Struktur" basierenden Beratungskonzepts) wurden Fragebögen, Handlungsleitfaden und Materialien zur Falldokumentation erstellt.

An Hand verschiedener Beratungsfälle stellen die Autoren die vielfältigen Anforderungen an das Beratungsteam bzw. Netzwerk dar. Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Präventionsund Rehabilitationsberatung werden dort diskutiert.

Als Kennzeichen des Erfolges des Beratungskonzepts aus Sicht der Betriebe wurden die folgenden Punkte genannt:

  • Ansprache der Unternehmen durch die Berater, nicht umgekehrt,
  • Abbau von Vorurteilen gegenüber externen Behörden mit Beratern, denen unterstellt wird in den Betriebsablauf reglementierend, unverhältnismäßig und Kosten verursachend eingreifen zu wollen,
  • Umfassende Beratung zu "Arbeit und Gesundheit" für den konkreten Arbeitsplatz und gleichzeitige Hilfsangebote zu Themen der Prävention und Gesundheitsförderung,
  • auf die Belange des jeweiligen Unternehmens zugeschnittene Lösungen.

Im Auftrag des Fonds Gesundes Österreich haben Mangold und Kreyer (2006) Motivanalysen zur Gesundheitsförderung in KMU erstellt, aus denen sie Argumentationslinien und Strategien für eine Verbesserung der Situation ableiten.

Die Frage, warum Besitzer von KMU in Österreich etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter unternehmen oder nicht, stand an erster Stelle. Hierzu wurden 698 Personen aus dreizehn verschiedenen Branchen befragt.

Auf der Grundlage der Befragungsergebnisse wurden Argumente für Unternehmer und Führungskräfte in den KMU abgeleitet sowie Vorschläge und Strategien, wie ein Vorgehen aussehen könnte. Im Kern ging es darum, wie aufeinander abgestimmte Strukturen, Maßnahmen und Hilfsmittel/Angebote aussehen sollen, damit KMU in Österreich Gesundheitsförderung implementieren und erfolgreich durchführen können.

Die Empfehlungen für Argumentationslinien ergeben sich wie folgt:

  • BGF entlastet das Unternehmen. Es wird ihm finanziell besser gehen. Investitionen in Gesundheit zahlen sich aus.
  • Information zu BGF sollten den Weg über Fachzeitschriften der persönlichen Beratung vorziehen.
  • Betriebseigner sollten aufgefordert werden, selbst mit anzupacken. Als Beispiel wird eine Kombination genannt aus persönlichem Engagement für die Mitarbeiter in Sachen Gesundheit, zusammen mit Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern sowie den Konsequenzen aus negativen Erlebnissen bei Ausfällen aufgrund von Krankheiten verbunden mit der Möglichkeit durch Gesundheitsförderung längerfristig Kosten zu senken.

In einem jüngeren Projekt der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gehen Sczesny, Keindorf und Droß (2011) der Frage nach, wie es um den "Kenntnisstand von Unternehmen auf dem Gebiet des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in KMU" bestellt ist. Sie führten hierzu eine repräsentative Befragung von Inhabern bzw. Geschäftsführern in Klein- und Kleinstunternehmen durch. Ziel der Befragung war es unter anderem, Erkenntnisse über die Wege der Aneignung von Arbeitsschutzwissen und die genutzten Beratungsangebote zu gewinnen.

Befragt wurden 1000 Betriebe aus den verschiedensten Branchen. Das Gros der Betriebe (85 Prozent) hatte 1 bis 9 Mitarbeiter. In 7,5 Prozent der befragten Betriebe gab es eine betriebliche Interessenvertretung.

Als zentrale Befunde der Befragung werden genannt:

  • "Mit steigender Betriebsgröße steigt der Anteil der Geschäftsführer/innen, die sich für die bedarfsorientierte bzw. Regelbetreuung entschieden haben.
  • Je älter die Unternehmer/innen sind, desto häufiger entscheiden sie sich für die bedarfsorientierte Betreuung und gegen die Regelbetreuung. Gleichwohl dominiert in allen Altersklassen eine unklare Betreuungssituation" (Sczesny et al. 2011, 23).

Anlässe für eine Inanspruchnahme externer Experten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes lagen eher in Regelaufgaben begründet. Gestaltungsorientierte Anlässe wurden kaum vorgefunden. 45,9 Prozent der befragten Betriebe, die in einer Regelbetreuung sind, können sich Anlässe für eine externe Unterstützung vorstellen. In Betrieben mit bedarfsorientierter Betreuung waren es 42,1 Prozent, wenn die Arbeitgeber eine Schulung absolviert hatten (37,9 Prozent wenn nicht).

Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen nahmen bei Problemen mit wichtigen Arbeits- und Gesundheitsschutzaufgaben Kontakt zu externen Beratungsstellen auf. Es handelt sich dabei in erster Linie um Berufsgenossenschaften.

60 Prozent der KKU benötigen weitere Informationen rund um den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Bereits genutzt wurden: Broschüren, Checklisten der Berufsgenossenschaften und das Internet. Praxisbeispielen aus anderen Betrieben sowie einem Austausch mit anderen Betrieben wurde ein hoher Nutzen zugesprochen.

Eine weitere Befragung von Unternehmen zu Widerständen gegen betriebliches Gesundheitsmanagement in kleinen und mittleren Unternehmen wurde von der Techniker Krankenkasse (TK, 2008) durchgeführt. Hierzu wurden Expertinnen und Experten befragt, betriebliche Entscheider interviewt und eine Online-Befragung durchgeführt. Die Ergebnisse beruhen auf Informationen aus circa 500 Unternehmen.

In ihren Schlussfolgerungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass als zentrale Hindernisse hohe erwartete Kosten gesehen werden, keine Zeit vorhanden ist (das Tagesgeschäft geht vor) und keine echten Probleme mit der Gesundheit vorliegen.

Um mit dem Thema Gesundheitsförderung trotzdem im Betrieb voranzukommen, wird den Beratern der Kasse empfohlen, nach innovativen Lösungen zu suchen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Interesse zu wecken (z.B. Beilage von Flyern oder Broschüren in der "Lohntüte"). Die Kasse selbst folgert für sich die Notwendigkeit unbürokratische Hilfestellung bieten zu können, z.B. durch eine leicht erreichbare Anlaufstelle bei Problemen oder Rückfragen (wie Telefon-Hotline, persönlichen Berater, zuverlässiges E-Mail-System oder Online-Kontaktformulare). Als weiterer Erfolgsfaktor wird der Lebensstil der Führungskräfte bzw. Betriebseigner angesehen: "Aktive, gesundheitsbewusste und nicht-rauchende Geschäftsführer setzen häufiger gesundheitsfördernde Maßnahmen in ihren Betrieben um. Weniger gute Vorbilder investierten auch weniger in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter."

In einer eigenen Studie des RKW Kompetenzzentrums zum Thema "Einzelhandel – Prävention und Gesundheitsförderung aus Sicht der Kleinst- und Kleinbetriebe" (Amann & Kuchenbecker 2009) wurde im Rahmen von Experteninterviews (30 Interviews) und telefonischen Betriebsbefragungen (92 Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern) den Fragen nachgegangen, welche Bedarfe, Interessen und bevorzugten Transferwege aus Sicht der Unternehmer und Führungspersonen im kleinst- und kleinbetrieblichen Einzelhandel zum Thema Gesundheitsförderung vorliegen.

Es zeigte sich, dass in den Unternehmen sowohl persönliche wie auch betriebliche Gesundheitsmaßnahmen als wichtig für den Erfolg des gesamten Unternehmens angesehen werden, aber wenig verbreitet sind. Auf Grund der gewonnenen Erkenntnis wird dafür plädiert stärker als bisher Handlungsoptionen im Bereich der Gesundheitsförderung aufzuzeigen, insbesondere, wie Präventionsmaßnahmen möglichst mit geringem Zeit- und Kostenaufwand umgesetzt werden können.

An Präventionsdienstleister wird die Frage gerichtet, ob Angebote zur Stärkung der persönlichen Kompetenzen – wie z.B. Stressbewältigung – stärker mit Themen der fachlichen Kompetenz – wie z.B. Finanzierungen, Sicherung der Auftragslage etc. – verknüpft werden könnten.

Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass gerade in Kleinstund Kleinunternehmen es vielversprechend sei, jene Medien und Interaktionsformen zu nutzen, die von den Unternehmern bereits regelmäßig in ihrem Betriebsalltag genutzt werden, wie z.B. branchenbezogenen Fachzeitschriften.

Im Rahmen einer weiteren Studie des RKW Kompetenzzentrums (Hübner et al. 2010) wurde folgenden Fragen nachgegangen:

  • Welche Zugangswege nehmen sowohl Beschäftigte als auch Betriebseigner zur Lösung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren wahr, kennen oder wünschen sie sich?
  • Kennen sie die Beratungsstrukturen und wie schätzen sie diese ein?
  • Welche betriebsspezifischen Probleme bestehen im Bereich Gesundheit oder werden wahrgenommen?
  • Welche Angebotsstruktur wird ihren Bedürfnissen gerecht?

Die Befunde zeigen: Der Stellenwert von Gesundheitsthemen bzw. BGF in kleinen und mittleren Unternehmen ist überwiegend gering bis nicht vorhanden. Wenn BGF in den Betrieben auftaucht, dann meistens nur vereinzelt, sporadisch und nicht systematisch. In den meisten Betrieben fehlt sowohl das Bewusstsein für das Thema Gesundheit als auch die zur Umsetzung von Maßnahmen nötigen Informationen. Eigenständige Nachfragen zu Belangen der BGF treten nur sehr selten auf. Themenbereiche der BGF in KMU werden überwiegend davon bestimmt, welche Themen durch die überbetrieblichen Akteure in die Betriebe getragen werden. Wenn es zu eigenständiger Nachfrage seitens der Betriebe kommt, handelt es sich in den meisten Fällen um Themen, die in der öffentlichen Diskussion einen prominenten Platz einnehmen (z.B. Rückenschulen/-trainings oder Raucherentwöhnung).

Neben dem mangelnden Bewusstsein und Informationsstand verhindern vor allem die knappen finanziellen und zeitlichen Ressourcen systematische Aktivitäten im Bereich der BGF.

Die Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und andere überbetriebliche Akteure versuchen, durch Informationskampagnen und direkte Ansprache einen Anstoß zu Aktivitäten der BGF zu geben. Neben der direkten Ansprache und dem Angebot von Programmen zur BGF gelang den überbetrieblichen Akteuren der Einstieg in Gesundheitsthemen auch über "trojanische Pferde", wie z. B. Hygieneschulungen oder Seminare zur Lohnbuchhaltung. Auch bei Betriebsbesuchen wie Revisionen und Begehungen tauchten immer wieder Fragen zu Gesundheitsthemen im persönlichen Gespräch auf.

Eine Verstärkung der Kooperation der überbetrieblichen Handelnden im Hinblick auf Information, gemeinsame Angebote, Prämiensysteme usw. sollte angestrebt werden. In diese Kooperationen sollten zudem verstärkt "unternehmensnahe Akteure" wie Handwerks- bzw. Industrie- und Handelskammern, Verbände, Innungen etc. einbezogen werden. Nach Einschätzung der befragten Institutionen werden Krankenkassen oder auch Berufsgenossenschaften zwar als kompetent in Fragen zu Gesundheitsthemen angesehen, konkrete Hilfe zu den unterschiedlichsten Themen wird aber von den Berufsorganisationen erwartet.

Um Unternehmer zur Durchführung von Maßnahmen der BGF überzeugen zu können, müssen sich die Angebote an den betrieblichen Gegebenheiten und Anlässen in KMUs orientieren. Der Vorteil für den Betrieb sollte deutlich ersichtlich sein. Der Aufwand und die Kosten für den Betrieb müssen niedrig gehalten werden. Die Beratung und Durchführung der Maßnahmen müssen sich sowohl thematisch als auch organisatorisch individuell am Betrieb ausrichten. Von der Durchführung von Maßnahmen der BGF versprechen sich die Unternehmer überwiegend eine Senkung des Krankenstandes und eine bessere Produktivität im Betrieb. Eine gesundheitsförderliche Verhaltensänderung der Mitarbeiter zählt nur in Ausnahmefällen zu den Erwartungen der Unternehmerinnen und Unternehmer.

Zur Information wünschen sich die meisten Betriebe CD-ROM bzw. DVD, Broschüren bzw. Flyer oder ein Internetportal.

Betriebe, die ausbilden, sowie Unternehmen mit einem Hauptverantwortlichen für die Personalarbeit und Betriebe mit Kontakt zu Mitarbeitern einer Krankenkasse engagieren sich signifikant häufiger in der BGF als die übrigen Betriebe.

Seit einigen Jahren arbeiten die Berufsgenossenschaften Holz und Metall bzw. Handel und Warendistribution mit einem "Selbst-Check", der ihre Mitgliedsbetriebe befähigen soll, eine partizipative Beurteilung und Optimierung ihrer Arbeitsbedingungen durchzuführen. Im Rahmen einer Studie der Hans Böckler Stiftung hat Beck (2011) 14 Kleinunternehmer zu ihren Einschätzungen und Erfahrungen zum Check befragt. Ziel der qualitativen Studie war es, Motive und Handlungsbedingungen für die Anwendung oder Nichtanwendung des Verfahrens herauszufinden.

Die Auswertung der Interviews ergab drei Typologisierungen für die Anwendung des Verfahrens: Es wurde genutzt als

  • Vorbeugungsprogramm,
  • Mängelbehebungsprogramm oder
  • Verbesserungsprogramm.

In seinem Resümee vertritt Beck die Ansicht, dass das Selbst-Check-Verfahren grundsätzlich geeignet sei, zeitgemäße Gesundheitspolitik in KKU einzuleiten. Er sieht aber auch, dass dies nur dort möglich sei, wo bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Als Voraussetzung für eine Umsetzung fand er

  • Pflichtumsetzung wegen Aufforderung durch die Unfallversicherer,
  • Mängelbeseitigung nach Vorfällen,
  • Wunsch zur Verbesserung des eigenen Standards,
  • Zurückliegende positive Erfahrungen mit externen Institutionen beim Thema, wie BG, GKV,
  • Umsetzung nach Anmahnung.

Als Ursache für ein Nichtumsetzen des Checks nennt er "Vergessen" bzw. "vorhandene Einsicht in die Notwendigkeit des Verfahrens, aber Zeit- und Ressourcenmangel".

Da das Einführen von Präventionsmaßnahmen für KKU aber solcher Ressourcen bedarf, sieht Beck die Notwendigkeit einer eingehenden persönlichen Beratung und Unterstützung durch externe Organisationen, die derzeit jedoch nicht gegeben ist.

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz (European Agency for Safety and Health at Work 2011) hat sich im Kontext eines Modellprojekts mit der Frage befasst, wie Fahrer und Eigner in KKU der Transportbranche für Themen der Arbeitssicherheit und Gesundheit gewonnen werden können.

Die Beschäftigten dieser Branche haben nach Ansicht der Autoren die Tendenz, zunächst den eigenen Erfahrungen zu vertrauen und weniger auf Ratschläge externer Stellen zu geben, selbst wenn sie sich mit diesen Themen beschäftigen. Zudem scheint ein mangelnder Austausch zwischen den betrieblichen Akteuren zum Thema Gesundheit zu bestehen.

Es wurden 44 Fallstudien mit einem individualzentriertem Ansatz zur Wissens- und Einstellungsänderung analysiert; ein Ansatz, der wenige Ressourcen braucht und kostengünstig umgesetzt werden kann. Zudem wurden 12 Studien ausgewertet, die einen kollektiven Ansatz hatten, mit dem Ziel, strukturelle oder kulturelle Änderungen zu erreichen, sowie weitere vier kombinierte Ansätze.

Auf der Grundlage dieser Auswertungen wurden Erfolgsfaktoren abgeleitet und Vorschläge erarbeitet, wie das Thema angegangen werden kann:

  • Präventionsansätze sollten evidenzbasiert sein, auf Risikomanagement basiert sein und einen praktische Zugang haben,
  • sie sollten ein spezielles Augenmerk dafür haben, wie die Zielpopulation erreicht werden kann,
  • die Programme sollten auf diese Population speziell zugeschnitten sein,
  • sie sollten eine Vielzahl von Maßnahmen umfassen und unterschiedliche Medien nutzen.

Im Report wird weiterhin die Meinung vertreten, dass, um die Fahrer zu erreichen-, nicht nur diese, sondern auch unterschiedlichste Akteure im Umfeld – bis hin zu den Familien – einbezogen werden sollten.

Für KMU werden als erfolgversprechende Interventionen ein direktes Ansprechen der Fahrer bzw. der Betriebsleiter angesehen, am besten verbunden mit einem praktischen Service oder ähnlichem. Deshalb sollten daneben Netzwerke aufgebaut werden, um dort die notwendigen Informationen zu verbreiten.

Moser und Karlqvist (2004) befassen sich mit der Fragestellung, wie es mit der Gesundheitsförderung in KMU europaweit bestellt ist. Sie tun dies mittels eines Literaturreviews basierend auf Veröffentlichungen des Jahres 2001:

Betriebliche Gesundheitsförderung sollte ihrer Ansicht nach in KMU umgesetzt werden, weil diese Unternehmen gute Chancen für effizientes Gesundheitsfördern bieten, hohe Unfallraten aufweisen und große Arbeitsbelastungen in spezifischen Situationen aufweisen.

Sie sehen zudem positive Tendenzen im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes auf Grund der Umsetzung europäischer Richtlinien in nationale Gesetzgebung, speziell bezüglich der Gefährdungsbeurteilungen und der Ausweitung des Präventionsauftrages der Unfallversicherungsträger.

Als problematisch sehen sie hier aber mangelndes Aufsichtshandeln an sowie die Tatsache, dass wegen geringer finanzieller Ressourcen auf qualitativ ungenügende Betreuung zurückgegriffen wird und es an Fähigkeiten und Qualifikationen in dem Bereich seitens der Unternehmen mangelt.

Was KMU deswegen ihrer Ansicht nach brauchen sind:

  • Modelle und Lösungen, die schnell und einfach implementiert werden können und wenige Folgekosten mit sich bringen;
  • Hilfen und Maßnahmen müssen sich auf die praktischen Probleme und Erfahrungen der Betriebe beziehen;
  • Kooperationspoole bezüglich finanzieller Mittel, Fachwissen und Erfahrung;
  • Schulungskonzepte auf Stand der aktuellen Gesetzgebung und der betrieblichen Möglichkeiten.

Das Deutsche Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF) hat in seinem Forum KMU anlässlich der A+A 2003 ein Grundsatzpapier zu relevanten Faktoren der Gesundheitsförderung in Kleinbetrieben vorgelegt (Abendroth et al. 2003). Diese Faktoren sehen die Autoren in der Struktur der Betriebe, der Zugangsmethoden sowie der Angebote. Als fördernde Aspekte schätzen sie die familiäre Struktur und enge Beziehung zwischen Unternehmer und Mitarbeiter ein. Hinzu kommt die Vernetzung in Innungen, Kammern und anderen entsprechenden Organisationen. Dem stehen beschränkte personelle Ressourcen, mangelnde Zeit, fehlende Mitarbeitervertretungen und ein hoher Kostendruck entgegen.

Gesundheitsförderung muss daher vom Unternehmer selbst als Ressource erkannt werden, einen konkreten Nutzen für den Betrieb ausweisen (d.h. praxisnah und einfach umsetzbar sein) und die regionalen Strukturen der bestehenden Netzwerke der KMU einbeziehen. Nach Ansicht der Autoren sind daher ganzheitliche Angebote der BGF zu bevorzugen, die zu einer wirtschaftlichen Stärkung des Betriebes beitragen und am besten im Zusammenhang mit anderen wirtschaftsfördernden Angeboten stehen.

Zusammenfassung

Eigenständige Nachfragen zu Gesundheitsthemen von kleinen und mittleren Unternehmen sind nur sehr selten vorzufinden. In den Betrieben wird nur gelegentlich präventiv gehandelt, sondern eher anlassbezogen auf Gesundheitsprobleme reagiert. Ein mangelndes Bewusstsein und ein defizitärer Informationsstand stehen präventivem Handeln entgegen. Als zentrale Hindernisse werden hohe erwartete Kosten gesehen; es ist keine Zeit vorhanden (das Tagesgeschäft geht vor) und echte Probleme mit der Gesundheit werden oft nicht gesehen, gesundheitliche Belastungen deshalb nicht wahrgenommen oder verdrängt. Ressourcen und Motivation, daran etwas zu ändern, fehlen. Zudem gibt es keine dafür geeigneten Organisationsformen.

Als gesundheitsfördernde Aspekte in Klein- und Kleinstunternehmen werden andererseits die familiäre Struktur und enge Beziehung zwischen Unternehmer und Mitarbeiter angesehen. Positiven Einfluss könnte die Vernetzung in Innungen, Kammern und anderen entsprechenden Organisationen nehmen.

Suchtprävention und Gesundheitsförderung muss vom Unternehmer selbst als Ressource erkannt werden, einen konkreten Nutzen für den Betrieb ausweisen (d.h. praxisnah und einfach umsetzbar sein) und die regionalen Strukturen der bestehenden Netzwerke der KMU einbeziehen. Nach Ansicht vieler Autoren sind daher ganzheitliche Angebote der BGF zu bevorzugen, die zu einer wirtschaftlichen Stärkung des Betriebes beitragen.

In der Praxis hat sich aber gezeigt, dass KKU das Problem bereits erkannt haben müssen, um Unterstützungsmöglichkeiten überhaupt erkennen zu können. Problematisch wird in diesem Zusammenhang das zunehmend fehlende Aufsichtshandeln angesehen; zudem die Tatsache, dass wegen geringer finanzieller Ressourcen auf qualitativ ungenügende arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Betreuung zurückgegriffen wird und es an Fähigkeiten und Qualifikationen in dem Bereich seitens der Unternehmen mangelt.

Es muss daher nach innovativen Lösungen gesucht werden, um die Aufmerksamkeit zu erzeugen und das Interesse zu wecken. Das kann auch über "trojanische Pferde", wie z.B. Hygieneschulungen oder Seminare zur Lohnbuchhaltung geschehen.

Es bietet sich an, Netzwerke zu etablieren, am besten unter Nutzung der in der Branche vorhandenen Organisationsstrukturen als Forum für die Kommunikation z.B. über Kreishandwerkerschaften oder Innungen.

Informationen zu Präventionsthemen sollten über Branchenzeitschriften, Mitteilungsblätter der Berufsgenossenschaften, Fachzeitschriften oder Fachorgane von Handwerksverbänden gestreut werden. Auch Praxisbeispielen aus anderen Betrieben sowie einem Austausch mit anderen Betrieben wird ein hoher Nutzen zugesprochen.

Analysen haben gezeigt, dass bei der Vermittlung von eindeutigen Inhalten der Gesundheitsförderung und des Arbeitsschutzes sich in Kleinunternehmen besonders Printmedien wie Broschüren und Flyer anbieten. Auch Messen und Aktionstage können hier etwas beitragen. Das Internet wird von Kleinunternehmern vieler Branchen (noch) eher selten zur Informationssuche beim Thema „Gesundheit im Betrieb“ genutzt. Zudem ist eine leicht erreichbare Anlaufstelle bei Problemen oder Rückfragen wünschenswert (wie Telefon-Hotline, persönliche Berater).