Höchste Prüfung

Wie kann ich an meiner Krise wachsen?

Du stehst an einem entscheidenden Wendepunkt: Deiner höchsten Prüfung. Was die Prüfung ist und wann sie sich Dir zeigt, ist individuell und nur Du kannst den Moment erkennen. Sie könnte sich in einer heißen Phase des Projekts zeigen, in der Du völlig erschöpft und kraftlos bist und am liebsten alles hinschmeißen möchtest. Sie kann sich am Anfang zeigen, wenn Du um Unterstützung für Deine Vision kämpfst oder auch am Ende des Projekts, wenn es um die Implementierung der Ergebnisse geht und niemand mitmachen will. Alle Beispiele haben gemeinsam, dass Du an Deine persönliche Grenze kommst – massiver und bedrohlicher als alle bisherigen Herausforderungen (siehe Station 4). Die höchste Prüfung erkennst Du meist daran, dass Du emotional und mental stark belastet bist und Deine Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist, ähnlich einem Käfer, der auf dem Rücken liegt. Doch genau jetzt brauchst Du Deine volle Handlungskraft, um die Herausforderungen zu meistern und das Projekt zum Erfolg zu führen!

Auch wenn äußere Herausforderungen wie Konflikte, unvorhergesehene Ereignisse, Zeit- oder Qualitätsprobleme bestehen, liegt der eigentliche Kampf nun in Dir selbst. Warum? Weil die äußeren Ereignisse Deine Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt haben. Der Weg zur Lösung führt darüber, Deine innere Stärke und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Es geht darum, dass Du wieder auf Dein volles Potenzial zurückgreifen kannst, um die Schwierigkeiten im Projekt zu bearbeiten und zu lösen.

Bildlich gesprochen begegnest Du Deinem persönlichen „Drachen“. In Heldinnen- und Heldengeschichten muss sich die Heldin oder der Held manchmal einem Drachen als größte Herausforderung stellen. In Anlehnung daran verwenden wir das Bild des inneren Drachens auch in unserer Projekt- und Reisekarte als Symbol für Deine größten Ängste, Zweifel und Blockaden. Zum Beispiel: die Angst vor dem Scheitern, der fehlende Mut sich durchzusetzen oder ein übertriebener Perfektionismus. Wie kannst Du angesichts herausfordernder Umstände die Kontrolle über Dich, Dein Projekt und Deinen Weg behalten?

 

EINSTIEGSFRAGEN

Wie fühlt sich Deine höchste Prüfung an? Welche Gefühle kommen auf und worauf könnten sie hinweisen?

Was würde schlimmstenfalls passieren, wenn Du scheitern würdest?

Woran bist Du in der Vergangenheit persönlich gescheitert?

 

Stell Dir Deine Krise als einen Stau auf der Autobahn vor: Du hast keinen Einfluss darauf, wie schnell er sich auflöst, aber Du hast Einfluss darauf, wie Du mit der Situation umgehst. Du könntest frustriert, hektisch oder wütend werden – hupen, die Spur wechseln oder andere beschuldigen. Alternativ könntest Du die Zeit nutzen, um einen Podcast zu hören oder mit Deinen Mitfahrenden zu singen. Genauso ist es bei Deiner höchsten Prüfung: Du hast mitunter mehr Einfluss auf Deinen Umgang mit dem Problem als auf äußere Umstände. Hier geht es nicht darum, diese Hindernisse zu ignorieren, sondern erst einmal darum, Deine innere Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen, bevor Du Dich den äußeren Herausforderungen stellst.

Um zu lernen, mit diesen schwierigen Momenten umzugehen, sind zwei Schlüssel entscheidend:

  • Die Bereitschaft, sich unangenehmen Gefühlen zu stellen: Wenn Du Dich Deinem inneren Drachen stellst, der sich in der höchsten Prüfung zeigt und Dich lähmt, kannst Du im Idealfall Deine Tatkraft zurückgewinnen, um die Herausforderung bestmöglich zu bewältigen.
  • Die innere Erlaubnis, zu scheitern: Durch die Erlaubnis, zu scheitern, gewinnst Du Entspannung und vergrößerst so ebenfalls Deinen Handlungsspielraum.

 

HANDLUNGSIMPULSE

Um die höchste Prüfung zu meistern und Deinen Drachen zu besiegen, musst Du ihn erkunden und besser kennenlernen. Wenn Du Dir darüber hinaus erlaubst, zu scheitern (zumindest als reale Option), bist Du bereit, die schwierigsten Herausforderungen zu meistern.

Den inneren Drachen erkennen, akzeptieren und lernen, mit ihm umzugehen
Erkennen und Erkunden

Dein innerer Drache ist Deine persönliche Reaktion auf ein äußeres Hindernis. Je besser Du ihn und Dich kennst und verstehst, desto einfacher kannst Du handeln. Das Erkennen und Erkunden sind der erste Schritt in die Selbstverantwortung. Halte inne, schaue ihm in die Augen und nimm wahr, welche Schattenseiten, Blockaden und unangenehmen Gefühle sichtbar werden. Lerne, diese Gefühle zu erkennen und zu benennen. Allein dadurch kannst Du dem Drachen bereits etwas von seiner einschränkenden Macht nehmen. Dann kannst Du Dich fragen, was hinter dem Problem oder Deiner Reaktion stecken könnte und welche Funktion es für Dich erfüllt. Denn hinter unangenehmen Gefühlen können zum Beispiel wichtige menschliche Bedürfnisse verborgen liegen, die Du aus welchen Gründen auch immer bisher nicht ausreichend berücksichtigt hast.

Wenn Du Deinen Mut zusammennimmst und Deinem Drachen ins Gesicht schaust, kannst Du Dir folgende Fragen stellen und herausfinden, was Dich blockiert:

  • Wahrnehmen: Was nehme ich wahr? Was fühle ich wirklich in diesem Moment der Herausforderung? Die Antworten liegen tief in Dir verborgen. Halte also inne, reflektiere und versuche, die aufkommenden Gefühle zu benennen. Manchmal ist es hilfreich, dies von einem ruhigen und sicheren Ort aus zu tun. Du kannst es Dir bequem machen und Dich innerlich mit dem Problem, der Situation oder der Person verbinden, die es ausgelöst hat. Sei ganz wachsam und schaue, was sich Dir zeigt. Vielleicht findest Du auch einen Bereich in Deinem Körper, wo das Gefühl lokalisiert ist. Versuche, dem Gefühl einen Namen zu geben. So lernst Du Schritt für Schritt Deine Gefühlswelt besser kennen.
  • Verstehen: Worauf könnten diese Gefühle hinweisen? Dies hilft dir, nach und nach herauszufinden und zu verstehen, woher diese Gefühle kommen beziehungsweise was genau dahintersteckt. Ist es etwa die Angst vor Kontrollverlust? Die Angst zu versagen? Oder bist Du erschöpft, weil Du zu viel Verantwortung übernimmst? Gehe Deinem Drachen auf die Spur und frage Dich: Was will er tief in mir um jeden Preis vermeiden? Worauf beharrt er? Welchen Teil von mir will er beschützen oder im Verborgenen halten? Was wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte? Was braucht der Drache jetzt am dringendsten? Vielleicht spürst Du etwa Wut auf ein Teammitglied, das Dich einschränkt. Wenn Du tiefer schaust, entdeckst Du hinter der Wut vielleicht Deine eigene Ohnmacht.

Unterstützung erhältst Du in unserem Reflexionstool „Wahrnehmen, akzeptieren und verstehen“. Wenn es Dir schwerfällt, Zugang zu Deinen Gefühlen zu finden oder Dich ihnen zu stellen, kann Dir ein vertrauter Mensch, Deine Mentorin oder Dein Mentor sowie eine Coachin oder ein Coach helfen.

 

GEFÜHRTE INNENREISE

Ergänzend zu diesem Text kannst Du mit unserer Geführten Innenreise tiefer in die Besonderheiten der Station „Höchste Prüfung" einsteigen. Höre rein und lasse Dich inspirieren!

www.rkw.link/innenreisezusatz

 

Annehmen und Verändern
Das Erkennen und Verstehen Deines inneren Erlebens erweitert bereits Deinen Handlungsspielraum. Durch das Annehmen dessen, was sich dahinter verbirgt, kann sich Dein inneres Erleben und der Umgang mit Deinen Gefühlen verändern. Dieser Schritt klingt paradox: Man muss das annehmen, was man nicht mag. Denn negative Emotionen zu verdrängen, nährt den Drachen und schwächt Deine Handlungsfähigkeit. Von größter Bedeutung ist, zu verstehen, dass das Annehmen des Drachens beziehungsweise der damit verbundenen Gefühle nicht gleichbedeutend ist mit dem Annehmen und Akzeptieren einer Situation. Wenn Dir zum Beispiel der Projektauftrag entzogen werden soll, musst Du dies nicht sofort akzeptieren, sondern kannst für die Veränderung der Situation kämpfen. Die Empfehlung ist hier jedoch, die Gefühle, die der drohende Entzug des Projektauftrags in Dir auslöst, zu akzeptieren.

Deine Probleme werden durch die Annahme der Gefühle vielleicht nicht vollkommen verschwinden, aber an Macht und Größe verlieren. Spürst Du zum Beispiel in einer Situation, dass Dich die „Angst vor Kontrollverlust“ lähmt und gefangen hält, akzeptiere diesen Zustand. Indem Du diese Angst benennst und zulässt, dass sie da ist, beginnt sie zu schrumpfen. Erlaube Dir zum Beispiel, Dich überfordert zu fühlen. Im besten Fall wird auch dieses Gefühl nachlassen und Dein Normalzustand sich nach und nach wieder einstellen.

Sei bereit, alles anzunehmen, was Du dabei über Dich erfährst. Nach und nach kehrst Du allmählich in Deine Kraft zurück. Die neu gewonnene Kraft kann zu einer wertvollen Ressource werden, wenn Du sie bewusst einsetzt. Wenn Dir diese Schritte – ganz oder auch nur teilweise – gelingen, wirst Du nicht nur als Mensch wachsen, sondern durch Deine gestärkten Fähigkeiten auch in der Lage sein, Herausforderungen im Außen professioneller zu meistern. Dieser Prozess kann unterschiedlich anspruchsvoll und tief sein. Auch dabei unterstützt Dich unser Tool „Wahrnehmen, akzeptieren und verstehen“. Ergänzend dazu kann Dir das Tool „Pendelbewegung“ behilflich sein.

 

TOOLS ZUM DOWNLOAD

Wahrnehmen, akzeptieren und verstehen Detaillierte Anleitung für den lösungsorientierten Umgang mit schwierigen Gefühlen und Zuständen

Abschiednehmen
Eine Auseinandersetzung mit dem Scheitern und dem Abschied von Ideen und Visionen.

Pendelbewegung
Vertiefende Unterstützung für den Umgang mit schwierigen Gefühlen und Zuständen

www.rkw.link/toolssmzusatz

 

Scheitern als Möglichkeit akzeptieren
Denke immer auch an das Scheitern als eine Option, das nimmt Druck von Dir und erweitert Deinen Handlungsspielraum. Wenn Du nur die Möglichkeit des Erfolgs siehst, wird jeder Widerstand zur Bedrohung. Dann gibt es nur noch „Sieg oder Niederlage“, was Dein Handlungs- und Beurteilungsvermögen einschränken kann. Akzeptierst Du aber das Scheitern als eine mögliche Option, befreist Du Dich von Ängsten und Erwartungen und gewinnst an Flexibilität und Gelassenheit. Beides hilft Dir dabei, …

… besser Entscheidungen zu fällen (abbrechen oder weitermachen).

… neue Perspektiven einzunehmen und so neue, alternative Lösungswege zu entwickeln.

… Ziele, Zeitpläne anzupassen und Unterstützung hinzuzuziehen.

… Fehler zu akzeptieren und sie besser zu kommunizieren.

… Deine Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Sei Dir bewusst, dass auch die Entscheidung zu scheitern Mut und Stärke erfordert – vielleicht zeigen sich unliebsame Gefühle gerade auch im Zusammenhang mit dieser Entscheidung.

Diese Einstellung unterstützt Dich sowohl in der Auseinandersetzung mit Problemen und Menschen im Außen als auch bei der Begegnung mit Deinem inneren Drachen.

Zudem hilft Dir diese Einstellung auch dabei, aus Fehlern zu lernen. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass diese Haltung eine Superkraft in Zeiten hoher Dynamik und Komplexität ist, da wir mit immer mehr Faktoren zu tun haben, die außerhalb unseres Einflussbereichs liegen. Das Tool „Abschiednehmen“hilft Dir, Dich mit dem Scheitern auseinandersetzen und Dich von Deinen Ideen zu verabschieden.

 

REFLEXIONSBOX

  1. Um herauszufinden, was Dich innerlich blockiert, lohnt es sich, innezuhalten. Nimm im ersten Schritt einfach die aufkommenden Gefühle wahr und notiere alles, was Du in diesem Moment fühlst. Versuche im zweiten Schritt zu verstehen, worauf diese Gefühle hinweisen könnten und notiere Deine Gedanken neben dem jeweiligen Gefühl:
    Gefühle wahrnehmen und notieren:

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    Worauf könnten die Gefühle hinweisen:

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  2. Wie nennst Du Deinen inneren Drachen? Überlege Dir, was beschäftigt, lähmt oder fordert Dich in dieser Krise am meisten?

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  3. Schaue Deinem Drachen in die Augen und nimm die aufkommenden Gefühle wahr. Kannst Du Dir vorstellen, die mit dem Drachen verbundenen Gefühle (nicht die Situation oder die Krise) mit einem inneren „Ja“ anzunehmen? Warum könnte es nicht möglich sein und was könnte passieren, wenn Du die Gefühle annimmst?

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  4. Um Dir die Angst vor dem Scheitern zu nehmen und es als Option zu akzeptieren, schreibe hier Deine Gedanken dazu auf, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn Du scheiterst und das Projekt aufgibst:

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