Best-Practice-Reihe "Senior Entrepreneurship" - Prof. Dr. Martin Schottenloher

Veröffentlicht: 07.04.2016

Projekt: Gründen mit Erfahrung

Zusammenfassung: Prof. Dr. Schottenloher glaubte an seine Studenten und gründete mit ihnen zusammen im Jahr 2012 ein Unternehmen - PerfectPattern. Wir haben ihn zu seiner Teamgründung aus "alt & jung" befragt.

Ganz einfach, die Mischung stimmt. Die tollen innovativen Ideen werden eher der jüngeren Person zugesprochen, die ältere demgegenüber ist vertrauenserweckend.“

Die meisten Senior Entrepreneure starten allein. Nicht so Prof. Dr. Martin Schottenloher. Er hat an seine Studenten geglaubt und mit ihnen zusammen PerfectPattern gegründet. Über die Vorteile der Teamgründung „alt &jung“.

Kurzprofil

  • Gründerteam: Prof. Dr. Martin Schottenloher, Robert Meißner, Lukas Lentner, Dr. Simon Lentner, Dr. Christian Paleani
  • Unternehmen: PerfectPattern GmbH
  • Standort: München (Bayern)
  • Gründungsalter: 68 Jahre
  • Gründungsjahr: 2012
  • Mitarbeiter: 10
Prof. Dr. Martin Schottenloher(© Privat/Non-kommerziell)
Robert Meißner(© Privat/Non-kommerziell)


Prof. Schottenloher, können Sie bitte kurz erklären, welches Unternehmen Sie gemeinsam mit Ihrem Partner gegründet haben?

Prof. Schottenloher, PerfectPattern: Es geht dabei um die Entwicklung einer Software, basierend auf mathematischer Optimierung, die im Produktionsbereich angewandt wird und dort Ressourcen einspart.

Das klingt sehr abstrakt. Was wird mit diesen kosteneinsparenden Verfahren genau produziert?
Es wird gedruckt. Es werden Visitenkarten oder Flyer oder Broschüren, Poster usw. im hochwertigen Offset-Druck produziert.

Mit Hilfe Ihrer Software geht das ganze kostengünstiger?
Genau, in einem Druckbetrieb wird der Papierverbrauch etwa um zehn Prozent reduziert und man kommt mit weniger Druckplatten aus. Das zählt, denn die Druckplatten und die Belichtung der Druckplatten ist sehr teuer. Dadurch, dass weniger Platten benötigt werden, wird schließlich an Farben und Energie auch noch gespart. Der ganze Druckprozess wird kosteneffizienter durchgezogen.

Welche Erfahrungen hatten Sie und Ihre Partner für diese Gründung?
Ich selbst als Mathematik-Professor hatte keine Erfahrung im Druckbereich. Einer der Partner dagegen kommt aus einer Familie mit einem Druckereibetrieb. Meine Aufgabe lag darin, das Problem der Erstellung von optimierten Sammelformen, was sich abstrakt in ein schwieriges mathematisches Problem umformulieren lässt, anzugehen. Das haben wir im Verbund gelöst und entlang dieser Forschung eine Ausgründung an der LMU (Ludwig-Maximilian-Universität München) gemacht.

Sie sind mittlerweile emeritiert, Sie hätten es sich gemütlich machen können. Warum sind Sie nochmal mit diesem Projekt durchgestartet?

Einerseits war es für mich eine interessante Herausforderung. Andererseits habe ich im ersten Moment nicht überschaut, dass es zu einer richtigen Firmengründung kommt. Das hat sich erst im Laufe der Zeit herausgestellt.

Wie ist es eigentlich genau dazu gekommen? Sind die Partner auf Sie zugegangen und haben Sie um Hilfe gebeten? Wie kann man sich das ganze vorstellen?
Es waren ein Doktorand von mir mit einem Freund. Sie sagten: „Wir haben hier ein mathematisches Problem, das im Offsetdruck auftaucht, und glauben, eine Lösung gefunden zu haben.“ Dann fragten sie mich, wie ich eine solche Lösung verwerten würde. Es war bekannt, dass ich für solche Fragen offen bin und dass ich selber schon mal eine Firma im Softwarebereich gegründet hatte. Als Sie sich überlegten, ihre Lösung einer Firma zu verkaufen, habe ich ihnen vorgerechnet, wie groß das Einsparpotenzial ist. Schließlich kamen wir auf die Idee, das Ganze größer aufzuziehen und genau so haben wir das eben zu dritt gemacht.

Ich würde gerne nochmal auf Ihre Motive zurückkommen. Was war denn für Sie der Grund mitzumachen, also einmal der Reiz des Machbaren oder das mathematische Problem, das Sie lösen konnten?
Zum einen war das mathematische Problem per se interessant. Zum anderen hatte ich die Gelegenheit, die Erfahrung aus einer früheren Firmengründung vor 20 Jahren und letztlich aus dem ganzen Leben in ein neues Projekt einzubringen. Das hat uns erlaubt,  viele Umwege zu vermeiden.

Die Firma ist mittlerweile gegründet. Wie lange gibt es die schon?
PerfectPattern ist formal gegründet worden als GmbH im Mai 2012. Davor haben wir ungefähr eineinhalb Jahre in die Vorbereitung investiert.

Nun kommen wir zum Thema „Gründung im Alter“. 2012 waren Sie 68 Jahre alt. Gab es Probleme, die mit diesem Alter zusammenhingen? Zum Beispiel hört man immer wieder, dass ältere Gründer Probleme haben, Geld von der Bank zu bekommen. Einfach aus dem Grund, dass sie weniger Zeit haben, zurückzuzahlen.
Jüngere haben noch weniger Chancen, weil sie gar kein Geld haben.

Sie meinen, Jüngere besitzen noch kein Eigenkapital. Abgesehen davon, hat das Alter dann überhaupt eine Rolle gespielt in der Gründung Ihrer Firma?
Positiv hat sicher eine Rolle gespielt, dass wir ganz am Anfang zu zweit, zu dritt, zu viert in der Firma aufgetreten sind. Man ist als älterer Mensch etwas gewandter, flexibler und vielleicht auch vertrauenserweckender als nur eine junge Truppe. Die Mischung ist natürlich besonders gut: Das Vertrauen ist da, weil dort ein älterer Mensch sitzt und dass sie „supergut“ sind, das glaubt man den Jungen gerne. In der Tat hat sich als vorteilhalft herausgestellt, gerade bei wichtigen Gesprächen, jemanden Älteren im Boot zu haben, dem ein klassischer Betrieb mehr Vertrauen entgegenbringt als einer Truppe von Studenten.

Dieses Zusammenspiel finde ich besonders interessant. Gibt es im Alltag auch eine Diskussionskultur? Gibt es Besonderheiten oder Erfahrungen, die mit dem unterschiedlichen Alter zusammenhängen?
Ja, die gibt es, aber es ist ja eigentlich auch ein geflügeltes Sprichwort, dass man Erfahrungen nicht übertragen kann. Erfahrung muss man selber machen. Insofern hat es in diesem Falle auch chaotische Situationen gegeben. Sie waren mir allerdings nicht so fremd, weil ich schon lange an der Universität bin und diese ebenfalls ziemlich chaotisch ist. Junge Leute  können, wenn sie wirklich begeistert sind, gelegentlich auch ein bisschen engstirnig reagieren und alles genau auf ihre Art machen wollen.

Das bedeutet ja, Sie haben mit Ihren Partnern auch Situationen erlebt, an denen Sie aus Rücksicht zu Ihren jüngeren Partnern Ihr Handeln angepasst haben. Haben Sie ein Beispiel?
Ja, ich wollte eine Kundendatenbank, die mit Teamarbeit verknüpft ist, einführen. Das ist auf Widerstand gestoßen, weil zwei der Beteiligten sich  in ihrer Freiheit eingeschränkt gesehen haben. Es ist dann eben nicht eingeführt worden. Heute bedauern es alle und sind der Meinung, das hätten wir natürlich machen müssen.

Wer hat Ihnen auf dem Gründungsweg geholfen? Hatten Sie Beratung, Unternehmensberatung zum Beispiel in Anspruch genommen?
Betriebsberatung haben wir auch ein bisschen eingeholt. Wir hatten das Exist-Gründerstipendium. Wie gesagt, ich hatte vor Jahren bereits gegründet und kannte mich insofern aus. Einige Kenntnisse und Erfahrungen habe ich natürlich an meine jungen Partnern weitergegeben. Aber es ist dann trotzdem als Ergänzung gut, nochmal einen Externen reinzuholen, der das Team in Sachen Qualifizierung, Kundenakquise oder Vertrieb coacht. Es hat einfach einen anderen Anstrich.

2012 haben Sie gegründet, jetzt haben wir 2016. Würden Sie es nochmal machen?
Ja, ich glaube schon. Bis jetzt ist es ganz gut gelaufen, aber wir sind noch nicht über den Graben hinweg. Kennen Sie das Buch  „Crossing the Chasm“,  ein Klassiker von G. A. Moore aus dem Jahr, 1991? Hier wird beschrieben, wie ein Startup funktioniert und welche Phasen es gibt. Der Graben. Also  „the chasm“ ist die entscheidende Phase, die man überwinden muss. Dann hat man es geschafft. Derzeit sind wir zu stark noch am Aufbau, an der Verbesserung der Software usw., eine größere Kundenbasis fehlt noch.

Letzte Frage: Sie haben ja schon mal eine Firma gegründet, jetzt sind Sie an einer weiteren beteiligt. Sie sind allerdings 20 Jahre älter als damals. Welchen Ratschlag, würden Sie anderen Gründungswilligen mit auf den Weg geben
Geduld ist eigentlich das Wichtigste das zählt, wenn man eine neue Industrieanwendung einführen möchte. Denn man braucht  sehr lange von der Konzeption über die Entwicklung, Erstellung usw. Selbst dann, wenn man ein einsatzfähiges Produkt hat, dauert es lange, eine ausreichende  Kundenbasis zu bekommen. Bereits während meiner ersten Gründung hatte ich die Erfahrung gemacht, dass es viel Zeit kostet, Mittelständler oder größere Firmen zu Veränderungen und Investitionen in ihrem Produktions-Workflow zu bewegen: Im Schnitt sechs Jahre.

Das ist ein praktischer Rat, der ganz klar für Ihre Branche gilt.
Das gilt für alle Industrieanwendungen, aber auch möglicherweise für andere Branchen, sogar für Anbieter von Dienstleistungen, in denen die Kunden, selber Unternehmen, Veränderungen in ihrer Struktur oder in ihrem Prozess tätigen müssen. All die Innovationen, die die klassische Industrie betreffen, brauchen wenigstens sechs Jahre Atem, um überhaupt ernsthaft festzustellen, ob die Geschäftsidee eine Chance hat. Erst dann kommt die neue Firma über den Graben.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg!

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