Studienabbrecher: Azubis mit Vorkenntnis und Reife

Veröffentlicht: 14.07.2014

Zusammenfassung: Wenn es zu wenige Interessenten für eine Ausbildung im Unternehmen gibt, lohnt es sich nach anderen Zielgruppen Ausschau zu halten. Studienabbrecher bringen zusätzliche Qualitäten mit, wie die Wirl Elektrotechnik GmbH erfahren hat.

 

 

 

 

 

Laut DIHK-Ausbildungsfrage 2013 können mehr als 20 Prozent der IHK-Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Den Unternehmen macht laut DIHK zu schaffen, dass viele leistungsstärkere Schulabgänger lieber studieren wollen. In Handwerksberufen sieht das kaum anders aus: Anspruchsvolle technische Berufe wie Elektrotechnik erhalten weniger Zulauf. Aber es kann einen Ausweg geben. Denn noch lange nicht jeder angehende Ingenieur wird das Studium abschließen. Als Azubi in seinem früheren Studienfach ist er schon halber Experte, wenn er die duale Ausbildung beginnt. Diese Erfahrung machte auch die Wirl Elektrotechnik GmbH. Geschäftsführerin Meike Wirl hebt hervor: "Wir als Ausbildungsbetrieb profitieren bereits während der Ausbildungszeit von seinem Fachwissen und seiner Reife."

Damit hebt sie einen zweiten Aspekt hervor: Studienabbrecher sind persönlich gereift, verfügen über Frustrationstoleranz, kennen ihre Grenzen besser und sind obendrein hoch motiviert, weil sie eine zweite Chance bekommen. Außerdem – auch davon profitiert das Familienunternehmen – konnte der ehemalige Student aufgrund seiner akademischen Vorkenntnisse direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen.

Studienabbrecher als Azubis einstellen

Wie fanden Betrieb und Studienabbrecher zueinander? Die Handwerkskammer half. Auf der ständigen Suche nach interessiertem Personal wurde das Familienunternehmen Wirl Elektrotechnik GmbH aus Kleinheubach (Kreis Miltenberg) einen auf das "Karriereprogramm Handwerk – Studienanschluss statt -abbruch" der Handwerkskammer für Unterfranken aufmerksam. Das Ziel ist es, engagierter Studienabbrecherinnen und -abbrecher als Auszubildende für spätere Führungsaufgaben im Handwerksunternehmen zu qualifizieren. Die Wirl Elektrotechnik GmbH nutzte dieses Programm und stellte 2013 ihren ersten Bewerber ein. Er hatte zuvor Elektro- und Informationstechnik an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Der junge Mann bestand eine entscheidende Prüfung nicht und musste daraufhin sein Studium ohne Abschluss beenden. Nun kann er relativ schnell die Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik durchlaufen. Denn die im Studium erworbenen Qualifikationen werden anerkannt und verkürzen seine duale Ausbildung um ein Jahr.

Zusatzqualifikationen inklusive: Die Führungskraft von morgen ausbilden

Der schulische Teil der dualen Ausbildung findet alle sechs Wochen im zweiwöchigen Blockunterricht in einer auf das Karriereprogramm spezialisierten Klasse in Würzburg an einer Berufsschule statt.

Parallel dazu absolviert der ehemalige Student an insgesamt ca. 14 Samstagen die Qualifikation zum Technischen Fachwirt (HWK) und die Ausbildereignungsprüfung. Beides sind Bestandteile der Fortbildung zum Meister. Nach der abgeschlossenen Lehre und mit entsprechender Berufserfahrung kann er die fehlende Teile ergänzen und die Meisterprüfung ablegen. Damit qualifiziert er sich für Führungsaufgaben. Bleibt der angehende Elektroniker dem Ausbildungsbetriebe treu, stehen ihm innerbetrieblich viele Entwicklungsmöglichkeiten offen. Das Familienunternehmen bietet ihm die Chance, recht zügig eine Karriere als Projektleiter oder Bauleiter einzuschlagen. Für das Unternehmen entstehen durch diese Fortbildungen keine zusätzlichen Kosten. Diese übernimmt die Handwerkskammer im Rahmen des Karriereprogramms.

In der praktischen Ausbildung im Unternehmen gilt für den ehemaligen Studenten wie für die 15 anderen Auszubildenden: Alle sechs Wochen ist ein Auszubildendentreffen Pflicht. Dabei gibt einerseits das Unternehmen ein Feedback, andererseits werden Wünsche der Auszubildenden berücksichtigt und die Ausbildungspläne individuell angepasst. Der Ausbildungsmeister berücksichtigt, dass der der Studienabbrecher wesentlich mehr Lebenserfahrung hat und über ein größeres Kommunikationsgeschick verfügt, was besonders im Umgang mit Kundinnen und Kunden sehr wichtig ist. Der Ausbilder schätzt die Kompetenzen des älteren Auszubildenden, sodass der angehende Elektroniker schon jetzt fest einer Baustelle zugeteilt ist.

Wirl hat einen leistungsstarken Auszubildenden gewonnen, der es vom Studium gewohnt ist, Lösungen selbstständig zu finden. Dies erleichtert ihm sehr das Erlernen des Handwerksberufs, wo es auf Selbstständigkeit und eigene Ideen ankommt. Für Meike Wirl ist klar:

Es war eine sehr gute Entscheidung einen ehemaligen Studenten einzustellen."

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