Berufsabschluss nachholen

Veröffentlicht: 08.09.2014

Zusammenfassung: 50 Fachkräfte ohne eine Stellenausschreibung haben die Deutschen Gasrußwerke gewonnen und so eine drohende Fachkräftelücke schließen können. Personalentwicklung war der Weg.

Rund ein Drittel der 170 Beschäftigten der Deutschen Gasrußwerke hatte überhaupt keinen oder tätigkeitsfremde Berufsabschlüsse wie Koch oder Bäckerin. Andererseits hat der Dortmunder Chemiebetrieb in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich in neue Technologie investiert, beispielsweise in eine komplett neue Prozessleittechnik. Er betreibt ein eigenes Kraftwerk mit eigener Messwarte. Je höher der technische Standard, umso komplexer sind die Prozesse im Werk. 2002 führte das Unternehmen teilautonome Gruppenarbeit in einzelnen Produktionsbereichen ein. Im Rahmen einer Arbeitsgruppe bearbeiten seitdem mehrere Beschäftigte ein gemeinsames Ziel und erhalten dazu Freiräume zu selbständigem Handeln und Entscheiden. Dies brachte neue Herausforderungen mit sich: Die Bedienung komplexerer Anlagen, eine aktive Beteiligung an der Qualitätskontrolle und der eigenen Schichtplanung. Seit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche höherwertige Tätigkeiten übernehmen, steigt auch die Bedeutung ihrer Kompetenzen.

Arbeitsplatznahes Lernkonzept

Um den Qualifizierungsbedarf für diese komplexeren Aufgaben zu ermitteln, befragte das Unternehmen alle Beschäftigten nach individuellem Nachholbedarf. Das Ergebnis: Vielen fehlte eine grundständige Chemieausbildung. Damit war der Plan geboren, eine umfassende Weiterbildungsqualifizierungsoffensive zu starten – auf freiwilliger Basis.
Um die Hürde für ihre Weiterbildung niedrig zu hängen, wählte das Unternehmen einen Ausbildungsweg, bei dem praktische Fertigkeiten im Vordergrund stehen und organisierte die Weiterbildung zu Chemiebetriebswerkern bzw. Produktionsfachkräften Chemie im Unternehmen. Regulär dauert diese Ausbildung zwei Jahre, in diesem besonderen Fall verkürzte die IHK die Dauer auf ein Jahr. Fast alle bestanden die Abschlussprüfung.
Ein Jahr Berufsschule war für die An- und Ungelernten keine angenehme Perspektive, die Vorbehalte gegenüber der "Schulbank" waren groß. Daher engagierte die KG Deutsche Gasrußwerke GmbH & Co zwei Berufsschullehrer, die nach Feierabend ihr Wissen an die Beschäftigten der DGW weitergaben. Jeweils 10 bis 12 Beschäftigte drückten die Schulbank im Unternehmen – zwei- bis dreimal pro Woche für jeweils 4 Unterrichtsstunden. Das Unternehmen stellte die Beschäftigten für die Hälfte ihrer Weiterbildungsphasen frei. Die andere Hälfte der Zeit brachten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ihrer Freizeit ein.

50 MINT-Fachkräfte ohne eine einzige Stellenausschreibung

Es hat sich gelohnt: Ohne eine einzige Stellenausschreibung gewann DGW 50 MINT-Fachkräfte. Damit hat der Experte für Gasruß seine Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt reduziert und gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen, dass komplexe Prozesse von kompetenten Beschäftigten gemeistert werden können.

Beschäftigte mitten im Berufsleben werden noch mal zu Schülerinnen und Schülern, um den Dreisatz neu zu lernen. Im Anschluss an die Weiterbildung sind sie in der Lage, viel eigenständiger zu arbeiten. Dadurch steigt die Prozessqualität beträchtlich."

Dieses Fazit zieht Susanne Kleibömer, Managementbeauftragte der KG Deutsche Gasrußwerke GmbH & Co.
Mit jedem Weiterbildungsdurchgang liefen die Prozesse etwas sauberer, die Einsatzflexibilität stieg. Es fielen nach und nach Fehler der Vergangenheit auf, die vorher keiner bemerkt hat. Zudem ist der IHK-Abschluss für die vormals An- und Ungelernten ein deutliches Signal der Wertschätzung – ein Baustein in der Attraktivität des Betriebs als Arbeitgeber.
Insgesamt fünf Durchgänge wurden in einem Zeitraum von acht Jahren durchgeführt. Darunter befanden sich einige Beschäftigte der Generation 50 plus, die diese Chance auch nach vielen Jahren Lernentwöhnung ergriffen. Ihr ausgeprägtes Betriebswissen wurde dabei durch aktuelles "Schulbuchwissen" ergänzt.