Warum Azubis Spitze sind

Veröffentlicht: 28.08.2019

Zusammenfassung: Neues Ausbildungsjahr - alte Klagen: Die Bewerber sind "schlechter" als früher. Die Digiscouts in Rhein-Main beweisen das Gegenteil!

 Mehr über die Digiscouts

Fast ist es schon ein Ritual: Immer zu Beginn des Ausbildlungsjahres klagen Unternehmen über die fehlende Ausbildungsreife und Motivation der neuen Azubis. 63 Prozent der Betriebe beklagten beispielsweise in der aktuellen DIHK-Ausbildungsumfrage fehlenden Eigenantrieb und Einsatzbereitschaft. 

Die Digiscouts in der Region Rhein-Main können sie nicht gemeint haben! Die stellten ihren Eigenantrieb und ihre Einsatzbereitschaft mehr als unter Beweis, als sie am 21. August in der IHK Frankfurt ihre Projekte präsentierten. Sie beindruckten die vielen Besucher, allen voran Dr. Philipp Nimmermann, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen. Er sagte, wer die großen ökonomischen Chancen ausschöpfen wolle, müsse sein Geschäftsmodell und seine betrieblichen Abläufe neu denken.

"Auszubildende bringen den frischen Blick mit, der dafür nötig ist. Mit ihren Projekten tragen sie dazu bei, die Zukunft ihrer Unternehmen zu sichern.“

Serviettenfalten digital

Eindeutiger Publikumsliebling war die Klasse von Fachpraktikerinnen Hauswirtschaft im zweiten Lehrjahr der Kolpingsfamilie Frankfurt. Sie zeigten  selbstgedrehte Videos auf ihrem eigenen YouTube-Kanal, mit dem sie sich und ihren Nachfolgerinnen das Lernen erleichtern wollen. Die Besucher, die nach der Video-Anleitung Servietten falten sollten, fanden das gar nicht so leicht.

Lernfreiheit und Papiereinsparung

Ums Lernen ging es auch beim Projekt der Chemielaboranten der Ferro GmbH. Sie überzeugten mit einem Foto der vielen Aktenordner, die für jeden neuen Azubijahrgang bereit stehen und die dank ihres Digisout-Projekts überflüssig werden. Ab September sind die Lerninhalte auf der neu entstandenen Lernplattform zu finden - überall und jederzeit. Die jungen Leute hatten Glück, dass einer aus dem Team über tiefergehenede IT-Kenntnisse verfügt und so die Open-Source-Software gut auf die eigenen Bedürfnisse anpassen und "branden" konnte.

Interne Stellenbörse für die Banklehrlinge

Selbst programmiert haben auch die Auszubildenden der DZ-Bank. Ihre Idee: Eine interne "Stellenbörse", mit der die Auszubildenden der Bank ihre Projekteinsätze in den verschiedenen Gruppen der Bank deutlich besser planen und aufeinander abstimmen können.Sie gestalten damit den Prozess "Ausbildungsplanung" individueller und transparenter - letztlich zum Nutzen des Ausbildungsbetriebs. Die Gruppen stellen Aufgaben auf die Plattform, die Auszubildenden bewerben sich, wenn sie das Thema reizt und sie Zeit dafür haben. Die Gruppenleiter entscheiden sich für einen Bewerber, was sofort sichtbar ist.

Praktisches Lernen unter realen Bedingungen

Ihre Ausbildung hatten ebenfalls die Pflegeschüler der Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises im Kopf. Sie müssen auf den Stationen in Praxisanleitungen nachvollziehen, was sie theoretisch gelernt haben. Dazu gehört unter anderem die Dokumentation ihrer Arbeit. Medikamentengabe, Therapie, Diagnosen sind in einem System hinterlegt, zu dem die Schüler aber keinen Zugang haben. Nun haben sie das System mit Hilfe der IT quasi "gespiegelt" und können unter realen Bedingungen üben. Vor allem aber können sie dokumentieren, dass die Praxisanleitung stattgefunden hat. Anleiter und Schüler empfinden das als großen Gewinn für die Bewohner und für die Schüler.

Ein Projekt mit Ausstrahlung

Einen regelrechten Dominoeffekt hat das Digiscout-Team des Werkzeugherstellers Günther & Co. aus Frankfurt ausgelöst. Die Idee, Einlasskontrolle und Sicherheitsunterweisung von Besuchern und Fremdfirmen digtal statt auf Papier durchzuführen, hat das Interesse der Konzernmutter Sandvik gefunden und wird künftig nicht nur im Werk Frankfurt-Rödelheim, sondern wohlmöglich weltweit eingesetzt. Bleibt zu hoffen, dass den engagierten und zu Recht auch ziemlich stolzen Azubis - alle vier werden Industriemechaniker - nicht ganz aus der Hand gleitet. Sie haben mit vielen Beteiligten im Werk gesprochen und einen guten Plan entwickelt, wie es gehen könnte: Mehr Klarheit über Arbeitszeiten von Fremdfirmen, mehr Transparenz über fremde Personen auf dem Firmengelände im Notfall und die Zeitersparnis bei der Sicherheitunterweisung sind überzeugende Argumente für ihre Idee.