Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ein Erfahrungsbericht

Veröffentlicht: 10.08.2015

Zusammenfassung: Alle sind sich einig: Mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann man die Erwerbsbeteiligung von Mütter steigern. Die Unternehmenund der Staat haben viel dafür getan. Aber reicht das? Passen die Maßnahmen für alle Familien?

Als ehemals Betroffene muss ich meine Erfahrungen mal loswerden.

Ist doch alles nur eine Frage der Organisation

Als ich beim RKW mit einem befristeten Halbtagsjob anfing, waren meine Kinder 7, 9 und 11 Jahre alt, Grundschulkinder. Darum für mich der richtige Zeitpunkt, für den sanften Wiedereinstieg.

Da ich einen ziemlich weiten Anfahrtsweg hatte, habe ich die knapp 20 Stunden an drei Tagen “abgearbeitet” und jeweils sehr früh angefangen. So konnte ich morgens die Rushhour auf der Autobahn umgehen und mittags relativ früh daheim sein. Der Vater sorgte an meinen drei Arbeitstagen dafür, dass die Kinder pünktlich und mit Frühstück versehen in die Schule kamen. Nach der Schule gingen sie zu einer Tagesmutter, bekamen dort Mittagessen und machten ihre Hausaufgaben. Mich beschäftigten an den Nachmittagen Chauffeurdienste – wir lebten auf dem Dorf – zu Musikunterricht, Sport, Arztbesuche… Für das “bisschen” Haushalt für 5 Personen blieben die arbeitsfreien  Tage, den Wochenendeinkauf erledigte der Vater.

Also alles bestens organisiert, so wie sich das Politiker und andere schlaue Leute denken: Teilt euch die Familienarbeit, dann können die Frauen arbeiten und sich selbst verwirklichen.

Verwirklichen? Wirklich?

Meine “Selbstverwirklichung” war auf Kante genäht. Meistens klappt ja alles ganz gut, aber bei Dienstreisen von mir oder meinem Mann, bei Krankheit der Kinder, schulfrei, Ferien… war immer improvisieren angesagt. Frauen sind “multitaskingfähig”, kriegen das hin: Die Großeltern, Freunde, Nachbarn – alle wurden notfalls eingespannt. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen, denn revanchieren konnte ich mich ja nicht wirklich. Für meine Interessen, für Kultur oder Hobbies bliebt  eigentlich keine Zeit.

Dann ging die Ehe in die Brüche…

3 Jobs und keinem gerecht werden

… und alles war anders: Allein mit drei inzwischen pubertierenden Gymnasiasten, befristeter Halbtagsjob, fehlender Unterhalt. Es musste Geld in die Kasse. Also hatte ich eine genehmigte Nebenbeschäftigung, nachmittags nach der Zeit im RKW. Abends kam dann die dritte Schicht: Kochen, Vokabeln abhören, bei Aufsätzen helfen, Nachhilfe in Geschichte, Liebeskummer…. Erschöpfungssyndrom nach wenigen Wochen, aber wenn interessiert das? Geschlafen: wenig, viel zu k.o. Und ständig die Sorge, wie die teure Miete, die nötigen Winterschuhe, der Schulausflug zu bezahlen sein wird. Auto kaputt: eine Katastrophe!  Bei der Arbeit stets in Gedanken bei den Kindern, spätestens wenn die Schule aus war, Kontrollanrufe.
Den Gedanken an eine Karriere hatte ich nie, wie hätte das funktionieren sollen, wenn man mit dem Kopf wo anders ist?

Die Kinder: viel zu sehr sich selbst überlassen. Mangels Hortplätzen und Ganztagsschule waren alle drei mittags allein zu hause,  sollten sich etwas zu essen und die Hausaufgaben machen. Sie sind nicht verhungert, auch die Schule klappte ganz gut, aber friedlich ging es nicht immer zu. Meine Ansprüche an eine gute Erziehung konnte ich weitgehend über Bord werfen, war ja eigentlich nie da, bekam vieles gar nicht mit. Und erst die vielen Ferien! Um die Kinder auf Freizeiten zu schicken, fehlte meistens das Geld, die sechs Wochen im Sommer waren regelmäßig ein Horror für mich.

Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf sieht deutlich anders aus. Fast zehn Jahre, bis auch das jüngste Kind die Schule verließ, lebte ich am Limit. Es wurde besser, je älter und selbständiger die Kinder wurden, auch mein Job beim RKW war dann irgendwann unbefristet und eine volle Stelle. Trotzdem von Selbstverwirklichung keine Spur mehr, völlig fremdgesteuert. Und stets knapp bei Kasse, für vier Personen war mein Gehalt nicht üppig, aber zu üppig um staatliche Hilfe zu bekommen. Und die Ansprüche von Kindern werden bekanntlich nicht kleiner mit dem Älterwerden.

Was fehlt

  • mehr und bedarfsgerechte Betreuung, die bezahlbar ist. Hortplätze gibt es viel zu wenige, und in den Ferien sieht es ganz mau aus. Noch besser: Ganztagsschulen mit Mittagessen, denn dann entfiele auch die Kocherei abends – ein enormer Zeitgewinn.
  • Chefs, die mitdenken. Wer sich selber regelmäßig mit seinen Kinder befasst, erlebt die vielen tausend Unwägbarkeiten, die das mit sich bringt. Pläne sind dazu da, dass man sie notfalls ändert. Wer das versteht und akzeptiert,  Arbeitsergebnisse statt Anwesenheit honoriert, hat den ersten Schritt getan, um berufstätige Mütter bei ihrer beruflichen Entwicklung zu fördern.
  • Verständnis für diejenigen Frauen (und Männer), die keinen Partner, keine Haushälterin, kein Au-Pair daheim haben. Alleinerziehende sind die großen Verlierer, weil die gängigen Modelle von Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer von einer “intakten” Familie ausgehen, am besten noch Großeltern in Rufnähe.
  • Bessere Netzwerke, in denen sich berufstätige Eltern gegenseitig unterstützen können, notfalls auch mit Betreuungskapazitäten. Darum sollten auch ältere Eltern dazugehören, deren eigene Kinder schon größer sind.
  • Bessere Steuergesetze, die das Familieneinkommen durch die Zahl der Familienmitglieder teilt, statt Alleinverdiener zu bevorzugen und Alleinerziehende mit Kindern zu benachteiligen. Es hat einen Grund, das alleinerziehende Frauen das größte Armutsriskio tragen – und das ist ein Armutszeugnis für diese reiche Gesellschaft, die sich mehr Kinder wünscht.