Nachgefragt: Ausbildungsberuf Friseur

Veröffentlicht: 01.01.1970

Projekt: Azubimarketing

Zusammenfassung: Dass das Geld nicht entscheidend für die Wahl des Ausbildungsberufes ist, zeigt etwa das Interview mit der Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes Friseurhandwerk Hessen. Was tun Friseure, um für junge Menschen attraktiv zu sein?

Sarah Heeder-Himmelreich ist seit Mitte 2007 Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes Friseurhandwerk Hessen (LIV) mit insgesamt 25 Innungen, als auch Geschäftsführerin der Friseur-Innung Hanau mit ca. 100 Mitgliedern. Von der Ausbildung her ist sie Dipl.-Wirtschaftsjuristin und hat in den vergangenen Jahren den Schwerpunkt Arbeits- und Tarifrecht in der Beratung der Mitglieder angewendet sowie stetig neue Projekte mit dem Verband umgesetzt. Wir sprachen mit ihr über den Ausbildungsberuf des Friseurs.

 

Wie ist es um den Ausbildungsberuf des Friseurs bestellt?

Reines Zahlenmaterial seitens der Statistiken ist aktuell aus dem Jahr 2015 lieferbar. Trotz fallender Zahl gehört der Friseurberuf zu den zehn am stärksten besetzten Handwerksberufen und befindet sich – was den Gesamtbestand betrifft – an vierter Stelle mit 1.815 Auszubildenden in Hessen. Bundesweit gibt es ca. 23.500 Auszubildende im Friseurhandwerk.

Auf der Beliebtheitsskala, bzw. wenn man auf die Neueinstellungen schaut, steht der Beruf Friseur in Hessen sogar an dritter Stelle.

Der Anteil der männlichen Auszubildenden ist steigend, 2005 betrug der Anteil der weiblichen Auszubildenden 88,6 Prozent, im Jahr 2014 82,9 Prozent.

Die Abschlüsse der Friseurauszubildenden haben sich in den letzten Jahren auch nicht signifikant verändert, die meisten Auszubildenden besitzen weiterhin zu 2/3 einen qualifizierten Hauptschulabschluss, bei 26,6 Prozent immerhin liegt der Anteil der Realschulabschlüsse und bei  FOS/Abitur stieg die Quote von (2005) 3,1 Prozent auf (2015) 5,8 Prozent an. Auch der geringe Teil von jungen Auszubildenden ohne Abschluss  ist nur leicht schwankend unverändert.

Bundesweit wurde 2008 eine neue Ausbildungsordnung mit einer gestreckten Gesellenprüfung eingeführt. In Hessen existiert seit über 25 Jahren, und damit als einer der ersten Verbände, eine landeseinheitliche, theoretische Gesellenprüfung, deren Qualität und Inhalt jährlich durch Gremien überarbeitet und überwacht wird. Darüber hinaus existiert hier beim Verband ein aktiver Berufsbildungsausschuss, der die in Hessen 25 aktiven Gesellenprüfungsausschüsse für eine einheitliche Prüfweise in den Innungen schult. Auch hier finden Treffen und Erfahrungsaustausche sowie Schulungen für neue Prüfer statt. Hessen hat auch ein eigenes lizenzfreies Prüfprogramm für die Innungen erstellt. Auch hierbei ist Hessen wieder Vorreiter, was frühzeitige und flächendeckende Schulungen der Prüfer als auch ein eigenes Prüfprogramm betreffen.

Aktuell stehen die Berufsschulstandorte in Hessen nicht zur Diskussion, und Betriebe haben somit einen Anreiz für eine wohnortnahe Ausbildung.

Der Fachkräftemangel im Friseurhandwerk war wesentlich später als in anderen Berufssparten wirksam, ist jedoch auch mittlerweile seit vier, fünf Jahren deutlich spürbar. Grund hierfür ist der starke Geburtenrückgang.

Zudem kämpfen auf dem Ausbildungsmarkt mittlerweile viele Unternehmenssparten um Auszubildende, auch um jene mit niedrigen Bildungsabschlüssen, die zuvor im Handwerk ihre Karriere erfolgreich starteten, so dass auch hier ein neuer Wettbewerb um Auszubildende stattfindet.

Leider sind auf dem Ausbildungsmarkt vermehrt Auszubildende anzutreffen, welche bereits in jungen Jahren müde, unkonzentriert und nicht wirklich anwesend erscheinen. Die virtuelle, parallele Welt, in welcher sich Jugendliche zunehmend bewegen, wirft große Probleme während der beruflichen Ausbildung auf.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist im Friseurhandwerk weiterhin ungebremst vorhanden und hängt auch damit zusammen, dass dem Friseurhandwerk der Meisterbrief erhalten blieb. Es handelt sich um ein gefahrgeneigtes Handwerk, welches in der Anlage A der Handwerksordnung eingetragen ist und für das bei einer Selbstständigkeit der sog. große Befähigungsnachweis notwendig ist.  

Ausbilder bilden somit neue Mitarbeiter, Salonleiter und oft auch Nachfolger für den eigenen Betrieb aus. Eine Überausbildung ohne anschließende Berufsmöglichkeit hat sich in den letzten vier bis fünf Jahren gewandelt, so dass einem Absolventen zum Friseur in der Regel die Übernahme und/oder ein sehr guter Arbeitsplatz in einem sehr guten Salon in Aussicht stehen. Damit korrelieren selbstverständlich auch entsprechende Abschlüsse eines Absolventen. Aber auch hier sehen wir, dass Betriebe für junge Gesellinnen und Gesellen noch weitere Ausbildungen und Nachschulungen anbieten, um ihre Fachkräfte für besondere Techniken ihres Unternehmens fit zu machen.

In Bezug auf das Gehalt besteht immer wieder Diskussionsbedarf. Vielleicht ist es ein Henne-Ei-Problem; inwiefern der Verbraucher bereit ist, einen höheren Preis für höhere Löhne zu zahlen, und inwieweit Konkurrenz und Schwarzarbeit den ordentlich arbeitenden Betrieben Konkurrenz machen und damit auch das Lohngefüge beeinflussen.

 

Was können und sollen Friseure tun, um junge Menschen für ihre Ausbildung zu interessieren und zu gewinnen?

Friseurbetriebe haben in den vergangenen Jahren in aller Regel fortwährend an ihrer Außendarstellung gearbeitet. Natürlich gibt es den „Kleinbetrieb“, der nur einen Telefonanschluss besitzt, aber diese eingetragenen Betriebe in der Definition von Betrieb nach Wöhe, die ausbilden, werden weniger.

Zunehmend betreiben Betriebe Websites, einen Facebook-Auftritt, welchen wir Betreibern als Verband auch empfehlen. Die Außendarstellung, die Ansprache von Kunden in den Unternehmen sind geeignetes Mittel, das Interesse für potentielle Bewerber zu wecken.

Betriebe werben über Facebook-Anzeigen, Facebook-Gruppen, Twitter sowie weiterhin über die üblichen Printmedien, um Auszubildende der Agentur für Arbeit und Bildungsberater. Innungen veranstalten mit Bildungsträgern oder der Agentur für Arbeit Treffen für Kontaktmöglichkeiten zwischen Innungsbetrieben und potentiellen Interessenten.

Weiterhin pflegen Betriebe und Innungen Kontakt zu Schulen und teilweise setzen sich Betriebe direkt mit Schulen in Verbindung. Viele Betriebe bieten sich als Praktikumsbetrieb an, um damit einen zukünftigen Auszubildenden zu erreichen. In Ausbildung Stehende geben Erfahrungsberichte ab, die – medial genutzt – wieder neue Bewerber anlocken.

Einige Betriebe haben bereits YouTube-Filme gedreht, veranstalten Castings für Auszubildende, bieten Trainings vor der Ausbildung an und propagieren einen Ausbildungsplatz, indem sie besondere zusätzliche Fortbildungsmöglichkeit in Form von Seminaren oder Prämien für gute Schulnoten oder Gesundheitsverhalten anbieten.

Besonders wichtig ist auch, bereits im Salon zu veröffentlichen, dass ein Auszubildender gesucht wird, die Mund-zu-Mund-Propaganda ist immer noch sehr wirkungsvoll in Bezug auf Neukunden, neue Mitarbeiter als auch im Besonderen für neue Auszubildende.

Ein Betrieb ist heute also sehr gefordert, sich im bestmöglichen Licht zu präsentieren, um Mitarbeiter und Auszubildende zu gewinnen, und muss dies auch stetig medial kundtun. Allerdings ist damit auch einhergehend, dass ein Betrieb, der einen solchen Aufwand betreibt und sich die Mühe macht, auch einen Auszubildenden erwarten sollte, der den Anforderungen zumindest deutlich genügt und die Mühe auch wertzuschätzen weiß.

Zu einer Ausbildungsstätte gehört ferner, dass die besondere Leistungen, die sie anbietet, auch für einen zukünftigen Ausbildungsbewerber deutlich herausgestellt werden, wie beispielsweise Haarersatz, besondere Produkte, besondere Dienstleistungen z. B. Brautfrisuren.

Dazu gehört auch, dass ein Ausbilder den Beruf selbst liebt, dies immer wieder vorlebt und zeigt, dass der Friseurberuf sehr geeignet ist, eine kreative Arbeit am und mit Menschen darstellt und damit sogar zu den Berufen zählt, die glücklich machen.

 

Wie kann der LIV unterstützen?

Zum Teil sind schon Antworten in den anderen Fragen eingeflossen. Strikte Trennung ist fast nicht möglich. Der LIV unterstützt auf unterschiedliche Art und Weise die Betriebe. Hier ist eher ein 360°-Blick angesagt, denn als hessischer Dachverband organisiert der LIV das Prüfungswesen einheitlich. Auch die Bereitstellung einer einheitlichen Prüfung garantiert Qualität für die Ausbildungsbetriebe. Die Ausbildung zum Friseur im dualen System beinhaltet viele Elemente, über die sich die Geister zuweilen scheiden. Die einen halten einige Elemente für veraltet; tatsächlich tritt der Verband für eine größere Bandbreite an Friseurtechniken ein, und in privaten Systemen wird meist auf ein bestimmtes leider oft vereinfachtes System hin ausgebildet. Oft wird auch auf eine spezielle Produktgruppe hin geschult. Nicht selten steht hinter einem privaten Ausbildungssystem eine bestimmte haarkosmetische Industrie.

Der hessische Dachverband hat auch den Tarifvertrag für Auszubildende und Arbeitnehmer geschlossen, im Jahre 2013 auch neu verhandelt, wieder mit einer Allgemeinverbindlichkeit versehen. So wird hier auch ein höherer Anreiz für Bewerber geboten. Der Ausbildungsvergütung ist auch für das Jahr 2016 erneut gestiegen.  

Der LIV setzt sich für den Erhalt der 28 Berufsschulstandorte ein, da dies eine stetige Ausbildungsleistung garantiert. In Regionen, in welchen die Berufsschulen geschlossen wurden, findet in den jeweiligen Berufszweigen auch so gut wie keine Ausbildung mehr statt.

Der LIV setzt sich auch gegenüber der Agentur für Arbeit dafür ein, dass Berufsberater nicht mehr vom Berufsbild weg beraten, da sie es persönlich als nicht zielführend ansehen. Auch hier hat sich in den letzten Jahren der Kontakt auf Landesebene mit der Agentur in Bezug auf das Image bewährt.

Um auch als Verband Modernität zu leben, hat er sich ein modernes Outfit durch ein neues Logo  gegeben und unterstützt die Innungen bei dessen Übernahme. Verband und Innungen präsentieren sich als Dienstleister der Betriebe auch zunehmend in verschiedenen sozialen Medien und fordern die Betriebe auf, diesem Beispiel zu folgen. Auch hier wird ein neues Bild des Friseurhandwerks geprägt, das mit dem nostalgischen Tante-Emma-Salon nichts mehr gemein hat.

Einige Innungen haben mit dem neuen Logo nachgezogen und präsentieren sich als Innungen neu, modern und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen. Dies führ bereits zu positiven Erfolgen in der Wahrnehmung des Friseurs und des Berufsbildes vor Ort. Dennoch verteidigt der LIV das duale Ausbildungssystem, welches Deutschland zu einem erfolgreichen Land mit seiner weltweit bewunderten sehr geringen Jugendarbeitslosigkeit führte. Das deutsche Bildungssystem, welches in seinen Abschlüssen wie ein Steck-Baukasten funktioniert, dient zudem weltweit als nachahmenswertes Beispiel.

Private zusätzliche Ausbildungen, spezielle Trainings, mit Wissensvertiefungen in besonderen Bereichen sind davon ausgenommen und selbstverständlich auch im Friseurhandwerk sehr zu begrüßen.

Weitere Unterstützung erhält der Betrieb durch den LIV, dass sich dieser mit den Landesbehörden in Verbindung setzt, um auch hier Qualität zu vereinheitlichen, Repressalien und Vorurteile gegenüber Kleinbetrieben abzubauen und das Image zu heben. Gespräche mit der Berufsgenossenschaft, den Landesgewerbeärzten, dem Kultusministerium in Bezug auf Bildung und Schulstandorte, als auch dem Wirtschaftsministerium und der Agentur für Arbeit, um finanzielle Möglichkeiten für Maßnahmen im Friseurhandwerk auszuloten.

Abschließend ist zu sagen, dass es sehr schade ist, dass in der  Gesellschaft Ehrenamt und Engagement in Innungen und das Vorantreiben des gemeinschaftlichen Gedankens als veraltet angesehen wird. Vielleicht ist es ein notwendiger Weg zur absoluten Individualisierung, den Wert der Gemeinschaft zunächst vollständig in Frage zu stellen, ja fast zu zerstören, um ihn dann wieder schätzen zu lernen. Nachdem die Individualisierung dann quasi zeigt, dass der Mensch weiterhin ein soziales Wesen ist und bleibt und nach diesen Gesetzmäßigkeiten seit jeher ausgerichtet ist und es bleiben wird.

Aufgrund der kleinbetrieblichen Struktur im Friseurhandwerk ist die große Klammer des Verbandswesens als wichtig und zielführend anzusehen. Es besteht oft ein Drahtseilakt zwischen dem konservativen Auftreten eines Verbandes für Kammern, Behörden und Politik und Modernität gegenüber Mitgliedern, Arbeitnehmern, Verbrauchern und damit dann auch dem Nachwuchs und seinen Erziehungsberechtigten.

 

Vervollständigen Sie bitte abschließend den folgenden Satz: eine gute Ausbildungsqualität bedeutet für mich ...

... einem jungen Menschen aufgeschlossen Zeit, Geduld, Know-how sowie ein solides Fundament für seine berufliche Zukunft in Form einer Ausbildung zu vermitteln. Ihm Wissen, Werte, Wertschätzung und Disziplin mit auf den Weg zu geben, unabhängig ob sich dieser nun im eigenen oder in einem anderen Unternehmen fortsetzt.

Ausbildungsqualität bedeutet aus einer anderen Warte her betrachtet auch, eine geregelte, zuverlässige Größe anzutreffen, welche für beide Partner gleichermaßen zutrifft. Geregelte Verhältnisse über die Art, Dauer, Inhalt und Entlohnung, geregelt unter staatlicher Aufsicht, damit schwarze Schafe das System auch einhalten müssen.