Mutige voraus! So wird im 21. Jahrhundert geführt

Worauf es bei Führungskräften jetzt und in Zukunft ankommt

Veröffentlicht: 16.08.2018

Projekt: Diversity und Chancengleichheit

Zusammenfassung: Was tun, wenn Mitarbeiter nicht mehr im Büro sitzen, mehr eigenständiges Arbeiten einfordern und sich von starren Unternehmensstrukturen lösen wollen? Wir haben mit der Expertin Helga Pattart-Drexler gesprochen.

Digital, global, flexibel, agil – Die Arbeitswelt und wie wir arbeiten hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Wenn es das Arbeitsumfeld zulässt, können wir ortsunabhängig, individuell und nach unserem eigenen Biorhythmus arbeiten. Diese Entwicklungen wirken sich auch auf die Personalführung aus. Die Frage, die sich stellt: Was tun, wenn Mitarbeiter nicht mehr im Büro sitzen, mehr eigenständiges Arbeiten einfordern und sich von starren Unternehmensstrukturen lösen wollen?
Wir haben mit der Expertin Helga Pattart-Drexler gesprochen, die Führungskräfte im Weiterbildungsprogramm „Pioneers of the 21.th Century“ bei der WU Executive Academy in Wien ganz bewusst auf das 21. Jahrhundert vorbereitet: Sie lernen, sich selbst, ihr Team und ihre Organisation neu zu „denken“.

Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert Führungskraft zu sein?
Jede Führungskraft sollte zunächst für sich selbst beantworten, was sie auszeichnet. Das sind zum Beispiel eine wertschätzende Haltung, Selbstverankerung und Mut. Mutig sein bedeutet, auch mal die eigenen Schwächen zu analysieren und offenzulegen. Weiterhin sollte sich jede Führungskraft fragen, wie das Team die eigene Person unterstützen kann – eine Führungskraft muss kein Alleskönner sein. In einer immer komplexeren werdenden Wirtschaft wäre das auch gar nicht zielführend. Vielmehr geht es darum, zu wissen, in welche Richtung es geht, und zu überlegen, wer welche Stärken und Talente ins Team miteinbringen kann – ohne dabei alle Aufgaben selbst zu übernehmen. Eine Führungskraft sollte andere begeistern und kommunizieren können. Ein Team und eine förderliche Atmosphäre zu gestalten gehören ebenfalls zu den Qualitäten, die eine Führungskraft in der heutigen Zeit auszeichnet.

Es heißt Kommunikation und eine gute Feedbackkultur werden beim Arbeiten im Team immer wichtiger. Inwiefern betrifft das auch die Führungskraft?
Stellen Sie sich vor, dass Ihr Mitarbeiter einen Text schreibt und Sie als Führungskraft korrigieren diesen Text, indem Sie Wörter durchstreichen und stattdessen Ihre eigenen einsetzen. An dieser Stelle sollten Sie sich fragen, ob das wirklich nötig war oder es den Text besser gemacht hat. Dem Mitarbeiter wird in diesem Augenblick signalisiert, dass er diese Aufgabe nicht gut genug erledigt hat. Sie können in diesem Fall auch anders Feedback geben: indem Sie sich gemeinsam mit Ihrem Mitarbeiter weiterentwickeln, ihm vertrauen und ihm Aufgaben eigenverantwortlich übertragen. Sie werden sehen, dass der Mitarbeiter positiv darauf reagiert, sich entspannt. Tun Sie das nicht, schleicht sich möglicherweise die Haltung ein, von nun an nur noch 80 Prozent der Arbeitsleistung aufzuwenden, da Sie als Führungskraft die anderen 20 Prozent ja sowieso übernehmen. Das ist nicht nur für alle Beteiligten frustrierend, sondern verlangsamt auch die Prozesse – und das kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. Führungskräfte sollten sich auf die Aufgaben konzentrieren, die sonst kein anderer machen kann, und ihrem Team vertrauen.

Aufgaben abgeben, keine Kontrolle mehr über jedes Detail haben … das klingt alles leichter gesagt als getan. Welche Tipps können Sie Führungskräften bei der Umsetzung mit auf den Weg geben?
Um diese Verhaltensänderung zu bewältigen – und um auch agiler zu arbeiten –, muss die Führungskraft vertrauen können und lernen, Ergebnisse zu akzeptieren, auch wenn man es selbst vielleicht anders gelöst hätte. Da gehört auch wieder Mut dazu: Manchmal können Dinge schiefgehen, aber so ist es dann eben! Hier spielt ein Bewusstsein für Vielfalt eine tragende Rolle: Wenn ich erkenne und akzeptiere, dass andere anders sind als ich selbst, dann nehme ich nochmal eine ganz andere Perspektive ein. Ich kann dann nämlich diese Vielfalt in meinem Team gezielt nutzen, beispielsweise um Aufgaben besser zu verteilen.

Worauf müssen sich Führungskräfte in Zukunft einstellen?
Führungskräfte müssen sich darauf einstellen, dass die Anforderungen an sie mehr bzw. anders werden. Die Mitarbeiter fordern mehr Flexibilität vom Arbeitgeber als bisher. Wir sehen oft Unternehmen mit starken Hierarchien und Strukturen – das könnte eventuell zu Problemen führen. Flexibilität bedeutet auch, sich selbst weiterentwickeln zu können. Es gibt immer weniger Berufe, in denen ich ein ganzes Arbeitsleben das gleiche mache. Das merken natürlich auch die Arbeitnehmer und wollen sich deshalb fortbilden. Danach müssen sie aber dieses erlernte Wissen auch anwenden können. Will die Führungskraft jedoch nichts an den Strukturen und Strategien ändern, dann wird sich der Mitarbeiter zwangsläufig fragen, was ihm die Schulungsmaßnahme gebracht hat. Ebenso kann es zu Problemen führen, wenn die Führungskraft nur Weiterbildungsmaßnahmen genehmigt, die sich in den gegebenen Strukturen wiederfinden.

Welche Rolle spielt Vielfaltsbewusstsein bei der Selbstführung?
Um das praktisch umzusetzen, kann die Führungskraft beispielsweise auch mal Arbeitspakete definieren, die bewusst gar nicht von ihr gesteuert werden. Auch hier kommt Vielfalt zum Tragen: Um die Aufgaben bzw. Arbeitspakete zu verteilen und zu strukturieren, muss die Führungskraft die Stärken der Mitarbeiter kennen und definieren. Dazu kommt, dass die Führungskraft wissen muss, was sie selbst kann, wo ihre Grenzen und Schwächen liegen, welche besonderen Stärken sie hat und welchen Fokus sie setzen will. Es hängt auch alles von der Strategie ab, welche Fragestellungen geklärt werden müssen, wo es hingehen soll und worauf man sich als Führungskraft fokussieren will. Letztendlich kann ich als Führungskraft nur dann einen Fokus haben, wenn ich weiß, wo meine Stärken sind, wo ich Unterschiede und Verschiedenheiten einbringen kann und wo es Sinn macht oder eben auch nicht. Bei der Selbstführung geht es darum, Verantwortungen aufzuteilen und Verantwortungsbereiche zu definieren, die man seinen Mitarbeitern übertragen und von denen man selbst als Führungskraft Abstand nehmen kann. Das hat den Vorteil, dass sich das Team weiterentwickeln kann und neue Verantwortungsbereiche bekommt. Die Führungskraft hat somit wieder neue Ressourcen gewonnen, um andere Themen anzugehen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

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