Ein regionaler Partner über die Digiscouts

Veröffentlicht: 17.01.2019

Zusammenfassung: Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hamm mbH war Partner des RKW in der ersten Digiscout-Region. Wir haben mit Wolfgang Thomaßen gesprochen, zentraler Ansprechpartner für das Themenfeld Fachkräftesicherung bei der WFH.

Herr Thomaßen, warum hat die Wirtschaftsförderung Hamm bei den Digiscouts mitgemacht?
Als ich erstmals davon hörte, verfing sich der Grundgedanke des Projektes bei mir auf Anhieb: das Interesse von Jugendlichen an der Digitalisierung zu nutzen, um die duale Ausbildung im Betrieb attraktiver zu gestalten und zugleich für das Unternehmen einen Nutzen zu generieren. Das Digiscout-Projekt trifft thematisch und methodisch ins „Schwarze“. Es war für mich sofort klar, dass sich die Wirtschaftsförderung Hamm bei diesem Projekt beteiligen würde: Wir sehen es als unsere Aufgabe an, und es entspricht unserem Selbstverständnis, die Unternehmen am Standort Hamm bei der Bewältigung der Herausforderungen Digitalisierung, Fachkräftesicherung, Arbeitgeberattraktivität bestmöglich zu unterstützen. Das sind unsere wichtigsten Handlungsfelder. Sie sind von zentraler Bedeutung für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Welchen Stellenwert haben Digitalisierung und Ausbildung für die Hammer Unternehmen?
Fast alle Betriebe suchen Fach- und Nachwuchskräfte. Für viele von ihnen ist die duale Berufsausbildung der einzig realistische Weg, um ihren Fachkräftebedarf langfristig zu sichern. Die Unternehmen stellen sich den digitalen Herausforderungen. Mit dem Projekt „Auszubildende als Digitalisierungsscouts in Hammer Unternehmen“ ist dem Projektteam vom RKW Kompetenzzentrum auf eindrucksvolle Weise gelungen, diese Zukunftsthemen miteinander zu verbinden. Nicht alle Betriebe hatten beispielsweise jemanden, der sich um das Thema Digitalisierung fachlich kümmern konnte. Die Betriebe erlangen nun ein höheres Niveau an digitaler Reife oder erfahren sogar einen regelrechten Digitalisierungsschub und gewinnen durch dieses Projekt erheblich an digitaler Kompetenz. Das Projekt Digitalisierungsscout ist vor diesem Hintergrund für uns eine außerordentlich wertvolle Hilfe. Als Wirtschaftsförderung freuen wir uns natürlich sehr darüber, wenn wir unseren Unternehmen faszinierende, sie zugleich unterstützende Angebote machen können.

Wie war denn die Reaktion der Unternehmen auf das Angebot?
Natürlich gab es anfänglich auch Skepsis, aber überwiegend waren die Reaktionen sehr positiv. Ich war mir schnell sicher, dass sich die notwendige Anzahl an interessierten Unternehmen würde finden lassen. Und so war es auch: Am 28. Mai folgte der Projektauftakt mit acht Hammer Unternehmen.

Welchen Nutzen hat der einzelne Betrieb?
Die Digitalisierung ist Auslöser für Veränderungen. Wir müssen sie gestalten und die Menschen gleichzeitig mitnehmen und sie beteiligen. Beteiligung muss gelebt werden, aktiv betrieben werden. Der Wandel braucht Protagonisten. Oft wird die Digitalisierung Betrieben durch externe Produktionsspezialisten übergestülpt. Das Ergebnis ist nicht immer eine lernförderliche Arbeits- und Arbeitsprozessgestaltung. Beteiligung wirkt motivierend und fördert die Bereitschaft, auf veränderte Situationen einzugehen. Das Digiscout-Projekt kann auch insofern als beispielhaft gelten. Das Projekt ist zweifellos auch ein großes Experiment. Die Azubis gehen in eine neue, für alle ungewohnte und zugleich herausfordernde Rolle. Einerseits sind Lehrjahre keine Herrenjahre, andererseits verfügen die Azubis über einen z.T. beachtlichen Wissens- und Kompetenzvorsprung gegenüber den älteren Mitarbeitern. Sie können ihnen auf Augenhöhe begegnen und müssen es auch, wenn das Projekt ein Erfolg werden soll. Die Auszubildenden haben für den Betrieb einen weiteren Vorteil: Sie sind nicht betriebsblind und voller Neugier. Sie spüren auf und erkennen Ansatzpunkte für Optimierungen und Einstiege in die Welt digitaler Prozessabläufe. Sie begeistern Mitarbeiter und die Geschäftsleitung für ihre Projektideen und die betrieblichen Entwicklungspotenziale. Es darf vermutet werden, dass selbst das betriebliche Vorschlagswesen durch den kreativen und beteiligungsorientierten Entwicklungsprozess zukünftig entstaubt werden wird.

Sehen Sie weitere Effekte für die Unternehmen?
Ja, denn die am Projekt teilnehmenden Unternehmen werden als Ausbildungsbetriebe attraktiver. Hierdurch stärken sie ihre Arbeitgeberpositionierung und sogleich ihr Personal- und Ausbildungsmarketing. Sie können einerseits ihre Auszubildenden besser motivieren und stärker an das eigene Unternehmen binden und sich über dieses Projekt bei potenziellen Nachwuchskräften als attraktiver Ausbildungsbetrieb empfehlen.

Wie haben Sie die Azubis als Digiscouts erlebt?
Die Auszubildende entwickeln ihre Kompetenzen und machen einzigartige Erfahrungen. Sie lernen es, im betrieblichen Alltag zu kommunizieren, fachlich zu überzeugen. Sie erfahren die Bedeutung von Zielsetzung, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Die Azubis lernen Projektmanagement: Projekte planen und steuern unter Zeit- und Ergebnisdruck Sie erleben sich als wirksam. Dabei erfahren sie Respekt, Wertschätzung, Anerkennung. Sie stärken ihre Konfliktfähigkeit und entwickeln Frustrationstoleranz. Im Grunde wirkt die Projektteilnahme wie ein großer, zusätzlicher, auch auf ihre Persönlichkeit zielender Ausbildungs- und Entwicklungsbaustein oder sogar wie ein Führungskräftetraining. Das Projekt ermöglicht es den Azubis zudem, sich in besonderer Weise ihren Arbeitgebern zu empfehlen. Diese wiederum haben allen Grund, auf ihre Auszubildenden stolz zu sein und werden sie tunlichst im Unternehmen halten wollen.

Was hat Sie besonders gefreut oder überrascht?
Gefreut hat mich natürlich zunächst einmal, dass in Hamm 22 Auszubildende bereit waren, sich auf das Projekt einzulassen. Dann haben mich der Ideenreichtum und die Ideenvielfalt sehr gefreut und zugleich überrascht: Die Kreativität, die Ernsthaftigkeit, die Fokussierung, aber auch die profunde Kenntnis der betrieblichen Prozessabläufe (2. Lehrjahr!), auch das Verständnis bzw. der Blick für die Relevanz. Nicht zuletzt haben mich die digitalen und methodischen Kenntnisse, die ich so nicht erwartet hatte, überzeugt. Sehr überraschend fand ich, wie professionell die Jugendlichen ihre Vorstellungen und Projektideen präsentieren konnten. Das hatte ich so ebenfalls nicht erwartet.

Wie wird es mit den Themen in Hamm weitergehen?
Mit den Betrieben befinde ich mich im steten Kontakt. Ich kann mir aber darüber hinaus gut vorstellen, den Austausch zwischen den unmittelbar am Projekt beteiligten, also den Ausbildern, weiter zu vertiefen und hierzu in regelmäßigen Abständen in die Wirtschaftsförderung einzuladen. Auf diese Weise könnten wir als Treiber eines überbetrieblichen sozialen und zugleich innovativen Prozesses wirken. Das Ziel muss sein: Sich gemeinsam entwickeln. Keiner weiß allein so viel wie alle. Eine Erfindung wird erst durch den sozialen Prozess zur Innovation. Und vielleicht können dann ja auch andere Unternehmen in Hamm davon etwas lernen. Ich würde mir wünschen, dass dies gelingt.