Digitale Nomaden

Veröffentlicht: 03.07.2015

Zusammenfassung: Für Robert Krüger und Martin Foerster lief es eigentlich bestens: Beide haben Informatik studiert und reibungslos einen festen Job in Dresden gefunden. Doch dann kam alles anders. Im Interview erzählten sie mir, wie sie zu digitalen Nomaden wurden.

Mandy: Wie kam es zu dem Entschluss, Euren Job aufzugeben?

Martin: Der Entschluss kam nicht von heute auf morgen. Nach dem Studium haben wir beide in der gleichen Firma gearbeitet und öfter über Ideen und Projekte gesprochen, mit denen wir die Welt beglücken können. (lacht) Aber neben einem Vollzeitjob und der sonstigen Lebensgestaltung blieb einfach nicht genug Zeit, um diese Projekte richtig voranzutreiben. Das hat uns irgendwann so genervt, dass wir darüber geredet haben, was wäre denn, wenn… Nach einiger Zahlenschubserei haben wir gedacht, ja, das könnte was werden. Gesagt, getan! Und nun gibt es atroo.

Robert: Ich hatte obendrein das Gefühl, nach fünf Jahren Festanstellung auf der Stelle zu treten. Die Weiterentwicklung kam mir zu kurz, beruflich wie auch – ja, das klingt kitschig – menschlich.

Mandy: Ihr reist durch die Welt, seid quasi ständig in einer anderen Stadt. Mal Barcelona, mal Rom, mal Lissabon. Wie lässt sich diese Mobilität mit dem Job vereinbaren?

Robert: Eigentlich gab es schon in unserem letzten Job keinen Grund, täglich an demselben Ort zu sein und ins Büro zu gehen. Die meiste Kommunikation lief über Skype, Telefon oder Mail. Die Ortsunabhängigkeit ist bei unserem Beruf ja quasi ?Build-In?. (lacht) Wir entwickeln Software. Dafür braucht man nichts Stationäres. Wir nehmen Rechner, Kreativität und den Spaß an der Arbeit einfach überall mit hin. Das ist eigentlich auch schon das Basiskonzept. In der IT-Branche ist das sicher auch einfacher als in anderen Branchen.

Martin: Wir benötigen  nur Strom und Internet. Das ist der große Vorteil der neuen digitalen Welt. Wir entwickeln moderne Apps und Oberflächen für jeden Bedarf und können diese von überall auf der Welt bei Kunden einspielen, warten und Support leisten.

Die digitalen Nomaden bei der Arbeit. (© Privat/Non-kommerziell)

Mandy: Wie findet Ihr Kunden, wenn Ihr ständig woanders seid?

Robert: Ziemlich gewöhnlich: so, wie man auch Kunden findet, wenn man ein Unternehmen in einer beliebigen deutschen Kleinstadt hat und deutschlandweit agiert. Wir nutzen Kontakte, Ausschreibungen, Empfehlungen, Networking-Veranstaltungen und natürlich das Internet.

Mandy: Und was sagen Eure Kunden dazu, dass Ihr gar nicht in Deutschland und ständig woanders seid?

Robert: Bei manchen Ausschreibungen ist leider Schluss, wenn wir sagen, dass wir gern ortsunabhängig arbeiten würden. Spannenderweise trifft aber auch immer öfter das Gegenteil zu. In der IT-Landschaft werden intensiv Fachkräfte gesucht, und ich habe den Eindruck, dass sich deswegen auch unsere potentiellen Kunden alternativen Arbeitsformen gegenüber zunehmend offen zeigen. Ich glaube, dass Transparenz wichtig ist, wenn man entfernt arbeitet, ebenso wie Ehrlichkeit und Authentizität, die Vertrauen schaffen.

Martin: International agierende Unternehmen haben seit jeher das Problem, dass sie nicht vor Ort beim Kunden sind. Aufgrund der Zeitverschiebung ist dort flexibles Arbeiten üblich. Das kommt langsam auch im lokal agierenden Mittelstand an.

Robert: Wir haben Mitarbeiter von mittelständischen deutschen Firmen kennengelernt, bei denen ein halbes Jahr Remote-Arbeit in Spanien kein Problem ist. Da wird dann sogar ein Co-Working Space für den Mitarbeiter sowie die Flugtickets bezahlt. Hier bewegt sich definitiv etwas und wir wollen Teil davon sein – Arbeitgeber 2.0, wenn man so will. (lacht)

Mandy: Ihr wolltet mehr Flexibilität und Freiheit in der Gestaltung Eurer Arbeits- bzw. Lebenszeit. Wie genau schaut denn heute ein Arbeitstag bei Euch aus?

Martin: Jeder Mensch hat ja bekanntlich eine eigene biologische Uhr und nur in den wenigstens Fällen ist diese auf 9 bis 17 Uhr Arbeiten eingestellt. Wir wollen arbeiten, wenn wir uns am produktivsten fühlen, und so ist es nicht unüblich, dass wir abends 23 Uhr einen neuen technischen Ansatz diskutieren oder zusammen eine Lösung zu einem IT-Problem finden. Wir arbeiten selten acht Stunden am Stück. Wir legen für uns selber Arbeitspakete fest und verteilen diese dann über den Tag. So haben wir meist bis Mittag ein mehrstündiges Arbeitspaket, nutzen dann die Pause, um die jeweilige Stadt zu erkunden und nehmen uns später am Nachmittag das nächste Paket vor. In Las Palmas auf Gran Canaria konnten wir so um 14 Uhr surfen, weil dann die Wellen am besten sind.

Mandy: Man hört immer wieder, dass mobiles Arbeiten mit freier Zeiteinteilung zur Überlastung führt, beispielsweise weil man doch mehr arbeitet als gedacht oder weil nicht ausreichend lange Erholungspausen genommen werden. Ist das bei Euch auch so? Wie schützt Ihr Euch vor Euch selbst?

Robert: Gute Frage, noch geht’s mir gut! Ich muss sagen, dass ich tatsächlich skeptisch war, ob ich mit der freien Zeiteinteilung klarkommen werde. Aber es geht deutlich besser als erwartet. Ich war immer der Typ, der gesagt hat ?Ich geh’ gerne ins Büro, da hat man ein klaren Arbeitsstart und ein klares Arbeitsende?. Das würde ich so heute nicht mehr unterschreiben, denn ehrlich gesagt, hab ich doch vieles mit nach Hause genommen. Und sei es nur gedanklich. Heute genieße ich die Möglichkeit, dem Rechner jederzeit ein bis zwei Stunden den Rücken zu kehren, aber ihn auch jederzeit wieder anmachen zu können, wenn ich einen Geistesblitz habe.

Martin: Wir reisen ja zusammen. Dadurch geben wir auf uns gegenseitig Acht und können auch einige Aufgaben des jeweils anderen übernehmen, falls der andere mal krank ist oder einfach zu viel Arbeit auf dem Tisch hat. Daneben führen wir auch Buch über unsere geleisteten Stunden und machen regelmäßige Reviews, um für uns festzustellen, wo wir stehen. Das klappt bisher ausgezeichnet und wir würden auch schnell erkennen, wenn es hier zu Unausgewogenheiten kommt.

Mandy: Habt Ihr denn auch genug Zeit, die Städte, in denen Ihr Station macht, zu erkunden?  Wie lange bleibt Ihr an einem Punkt?

Martin: Für den Anfang haben wir uns vorgenommen, alle Destinationen im Schnelldurchlauf zu erkunden, d. h., wir bleiben an jedem Ort etwa einen Monat. Es bleibt aber immer etwas Zeit, um sich die interessantesten Plätze und Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Dennoch ist ein Monat zu kurz, um wirklich in einer Stadt anzukommen. Für spätere Reisen werden wir an den Orten wahrscheinlich länger bleiben.

Mandy: Welche Ziele sind als Nächstes geplant?

Martin: Für dieses Jahr haben wir uns eine Route von Rom westwärts am Mittelmeer entlang gesetzt. Dabei gab es auch einen kleinen Abstecher nach Gran Canaria. Das letzte Ziel auf dieser Tour ist Concarneau in der schönen Bretagne – nicht am Mittelmeer, aber auch sehr sehenswert. Inzwischen haben wir auch einige Kontakte zu Menschen aufbauen können, die einen ähnlichen Lebensstil verfolgen. Sie nennen sich ?Digitale Nomaden?. In Communitys und Gruppen tauschen sie Erfahrungen und Reiseziele aus. Mit unserer kleinen europäischen Route sind wir da vergleichsweise nur ?um die Ecke gereist?. Es gibt sogar Orte, an denen Büros und Übernachtungsmöglichkeiten extra für digitale Nomaden entstanden sind. Dort kommt man schnell mit vielen interessanten Menschen in Kontakt und unsere Liste mit Reisezielen ist mittlerweile dementsprechend lang geworden. Als nächsten größeren Trip haben wir uns Asien vorgenommen, beginnend mit Vietnam.

Mandy: Mal Hand aufs Herz, bleibt es bei diesem mobilen Arbeiten oder habt Ihr doch Sehnsucht nach einer Heimat, vielleicht sogar nach Deutschland?

Robert: Eine Heimat hab ich ja! Die war aber schon immer unabhängig davon, wo ich wohne. Die hohe Schlagzahl der Ortswechsel, die wir aktuell vorlegen, halten wir sicher nicht aufrecht. Wir erkunden aktuell noch, was möglich ist. Das Langzeitmodell sieht eher einen Bürostandort in Deutschland vor, und doch die Freiheit, dort hinzugehen, wo es uns gefällt und wir gute Arbeit leisten können wenn wir darauf Lust haben. Wir werden sehen.

Mandy: Wo kann man mehr über Euch erfahren oder mit Euch in Kontakt treten?

Robert: Infos zu atroo findet man auf www.atroo.de. Und wer uns Fragen stellen will, kann gern auf twitter @atroo_online anschreiben oder uns per mail erreichen info@atroo.de.