Digitale Arbeit: kompetent, selbstbestimmt, gesund?

Veröffentlicht: 27.02.2018

Projekt: Demografiefeste Arbeit

Zusammenfassung: „Industrie 4.0“ verspricht Wirtschaftswachstum, Flexibilität und Effizienz. Doch wie entwickelt sich die Arbeit? Forscher der Uni Jena gehen dieser Frage im Projekt „Gesunde Arbeit in Pionierbranchen" nach.

Gesunde Arbeit in Pionierbranchen

Das RKW Kompetenzzentrum ist Transferpartner in dem Forschungsprojekt „Gesunde Arbeit in Pionierbranchen“ (GAP). Ziel dieses Projekts ist es, angesichts der technologischen Herausforderungen von Industrie 4.0 Handlungsbedarf im Arbeits- und Gesundheitsschutz zu erkennen und Praxisinstrumente für gesunde Arbeit zu entwickeln und zu erproben.

Beteiligt sind neben der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Technische Universität Dresden, die Universität Greifswald und die Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Als Industriepartner sind die Technologienetzwerke "OptoNet" und "Silicon Saxony" sowie die Unternehmen Präzisionsoptik Gera (POG) und Fabmatics im Forschungsverbund tätig.

Das Jenaer Forscherteam um Thomas Engel und Martin Ehrlich ist seit 2016 in Betrieben der Metall- und Elektroindustrie unterwegs. Dort führen die Forscher Betriebsbesichtigungen, Arbeitsplatzbeobachtungen und Interviews durch. Sie sprechen mit Managern, Beschäftigten und Betriebsräten in großen wie auch in kleinen Firmen und erhalten damit aus vielfältigen Perspektiven Einblicke in Entwicklungstrends und Gestaltungsformen digitaler Arbeit.  

Digitalisierung in einem Automobilwerk: Arbeit mit digitaler Assistenz

Industrie 4.0 bedeutet Digitalisierung und Vernetzung. Die gesamte Wertschöpfungskette gerät ausgehend von den Kunden- und Marktanforderungen ins Blickfeld der Rationalisierung. Lean-Production-Prinzipien wie Ressourceneffizienz, kurze Durchlaufzeiten und geringe Lagerhaltung, die Verbindung von Produktivität und Flexibilität erhalten eine neue Schubkraft.

Das GAP Projekt konnte einen Betrieb aus der Vorreiterbranche für Lean Production gewinnen, eine Automobilfirma und dort die Auswirkungen von Digitalisierung auf Produktionsarbeit untersuchen. Das Automobilunternehmen hat am Standort rund 2.000 Beschäftigte, darunter 90% mit Facharbeiterabschluss. Durch die Vernetzung der Produktion mit einer webbasierten Kundenplattform, die mehrere zehntausend Ausführungsoptionen ermöglicht, wird eine extrem hohe Produktvielfalt realisiert: Nahezu „Losgröße 1“ ohne nennenswerte Produktivitätsverluste.

Aufgrund dieser Variantenvielfalt wird der eigentlichen Montage der Arbeitsschritt Kommissionierung im so genannten „set-part-system“ (SPS Bereich) vorgeschaltet. Dort arbeiten Mitarbeiter mit Leistungseinschränkungen, die nicht länger in der Fertig- und Endmontage eingesetzt werden können. Weil die Vorsortierung der Teile mit Hilfe von Listen zu hohen Fehlerquoten führt, werden digitale Assistenzsysteme eingeführt. Die Beschäftigten sortieren die Teile mit Hilfe von Handscannern, Tabletts und Datenbrillen, Pick-by-Light und Pick-by-Point Systemen. Die Digitalisierung steigert dabei nicht nur die Effizienz, sondern bringt den Beschäftigten auch einige Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen:

  • Alle Mitarbeiter betonen den Nutzen der Assistenzsysteme: Sie müssen nicht mehr kleinteilige Listen und vierstellige Codes eingeben. Das Wegfallen daraus resultierender Fehlerquellen sehen sie als große Entlastung. Die Fehlerraten wurden mit Hilfe der Assistenzsysteme auf nahezu Null gesenkt.
  • Körperliche Belastungen wurden abgebaut und damit der Einsatz leistungsgewandelter älterer Mitarbeiter in dem Arbeitsbereich ermöglicht.
  • Bei den Qualifikationsanforderungen für die Beschäftigten handelt es sich um Einfacharbeit nach engen Taktvorgaben. Aber es gibt Verbesserungen für die Beschäftigten. Sie haben Wahlmöglichkeiten bei Nutzung der Pick-Systeme: Die Mitarbeiter können diese Systeme zu- oder abschalten, je nachdem, wie eigenständig sie arbeiten und optimieren wollen
  • Für Abwechslung bei den Tätigkeiten sorgt Arbeitsplatzrotation, über die die Teams selbst entscheiden können.
  • Zwei Baustellen der Arbeitsgestaltung sind allerdings zu nennen: Beschäftigte berichten von gestiegenen Anforderungen an dauerhafte Konzentration. Solche Belastungen sind gerade für ältere Beschäftigte nur sehr schwer zu bewältigen. Auch sind im Zuge der auf Effizienz ausgerichteten Reorganisation Spielräume für Ausgleichsbewegungen weggefallen. Mit der Einführung des SPS Bereiches entfällt für die Mitarbeiter an der Linie der Gang ans Regal.

Beteiligung der Beschäftigten und ihrer Vertreter

Die aus Sicht aller betrieblichen Akteure positive Gesamtbilanz der Digitalisierungsmaßnahmen ist auf Beteiligung zurückzuführen. Sie sorgt für einen Balance zwischen Beschäftigteninteressen und betrieblichen Leistungszielen.

  • Für die Einführung digitaler Assistenz ist ein Team aus Vorgesetzten, Betriebsräten und Beschäftigten zuständig. Ergänzt wird dies durch Mitarbeiterbefragungen. Die Mitarbeiter haben dadurch die Gelegenheit, Sorgen aussprechen und Gestaltungsvorschläge zu machen.
  • Der Betriebsrat schaltet sich bei Arbeitszeit- und Arbeitsschutzthemen bereits in der Testphase ein. Auf dieser Grundlage werden Betriebsvereinbarungen zum Einsatz der Assistenzsysteme ausgearbeitet.
  • In einer Betriebsvereinbarung wurde ein für die Akzeptanz der Technik neuralgischer Punkt geregelt. Man fand eine Lösung, um den Überwachungssorgen der Beschäftigten zu begegnen: Personenspezifische Leistungsbewertungen werden ausgeschlossen. Die Beschäftigten wählen sich in das System mit einem einheitlichen Login ein.

Ausführliche Informationen auch aus anderen Branchen erhalten Sie in einem Fachartikel der Jenaer Forscher.