Arbeitsschutz besser verkaufen

Einsicht in den Nutzen und die Beteiligung der Mitarbeiter sind am wichtigsten

Veröffentlicht: 10.03.2016

Projekt: Gesundheit im Betrieb

Zusammenfassung: Der Umsetzungsstand des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und wie sich Maßnahmen in den Betrieben stärker etablieren lassen, wurde auf der GDA-Fachveranstaltung am 18. Februar an der THM Gießen diskutiert.

Wo Arbeitszeiten und -orte flexibel werden, Menschen im direkten Kontakt mit automatisierten technischen Systemen interagieren und Arbeitsbeziehungen über Kontinente hinweg bestehen, sind neue Lösungen im Arbeitsschutz gefragt. Ältere Belegschaften, ein steigendes Gesundheitsbewusstsein und der Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellen die Unternehmen weiterhin vor Herausforderungen",

so der Einladungstext zur Veranstaltung.

Den Wandel der Arbeit als Metapher für die beschleunigte Entwicklung von Arbeits-, Produktions- und Lebensbedingungen durch die Steigerung von Flexibilität, Spezifität, Rationalisierung und Kompatibilität auf der Basis der IuK-Technologien beschrieb Dr. Bernhard Brückner, Hessisches Ministerium für Soziales und Integration, in seinem einführenden Vortrag. Neue Formen der Belastung am Arbeitsplatz entstünden unter anderem durch

  • Arbeitsverdichtung und  -intensität
  • Beschleunigung von Produktions-, Dienstleistungs- und Kommunikationsprozessen
  • mehr "geistige Arbeit" 
  • steigende Komplexität
  • erhöhte Eigenverantwortung

Beschäftigte sehen zum Teil andere Belastungsschwerpunkte

Dass sich die Einschätzung von Betrieben und Beschäftigten, was die Schwerpunkte der Belastungen angeht, zum Teil gravierend unterscheiden, stellte Brückner anhand der GDA-Dachevaluation vor. Während 2011 die "Arbeit unter Zeitdruck" für 31 Prozent der Beschäftigten von Belang waren, galt dies nur für 20 Prozent der Arbeitgeber. Soziale Beziehungen waren für nur 3 Prozent der Arbeitgeber, aber für 8 Prozent der Beschäftigten relevant. Folgerichtig wurden für den Typ "psychische Belastungen" auch nur von 42 Prozent der Beschäftigten entsprechende Präventionsmaßnahmen der Arbeitsorganisation (Methoden zur Stressbewältigung) gemeldet.

Nur jedes zweite Unternehmen führt Gefährdungsbeurteilungen durch

Die Gefährdungsbeurteilung als zentrales Element des Arbeitsschutzes ist gesetzlich vorgeschrieben. Tatsächlich wurde diese Maßnahme erst von 51 Prozent aller in 2011 befragten Unternehmen verwirklicht. Kleinstunternehmen unter 10 Mitarbeitern haben hier, so Brückner,  den größten Nachholbedarf. Lediglich 41 Prozent der Betriebe dieser Größenklasse gaben die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung an. Grund für die Zurückhaltung dürfte unter Umständen die Tatsache sein, dass ca. 1/3 aller befragten Betriebe den Nutzen einer solchen Maßnahme mit eher gering bis sehr gering einschätzen. Ein Argument, dass auch in den nachfolgenden Beiträgen immer wieder auftauchte. Weitere Befunde lassen darauf schließen, dass die Gefährdungsbeurteilung ein Instrument ist, um vor allem mit den "klassischen" physischen Belastungen und Gefährdungen umzugehen. Für die Analyse und Verringerung anderer Belastungs- und Gefährdungsarten wird sie jedoch noch nicht entsprechend genutzt.

Aufwand und Nutzen in den Betrieben

Vielfach würden Unternehmen die Kosten scheuen und sich erst an ihn wenden,

wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist",

berichtete Manfred Endres, freier Experte für Arbeitssicherheit. Dabei spiegele sich der Nutzen des Arbeitsschutzes in sinkenden Unfallzahlen wider, so ein Vertreter des DGUV Landesverbands Mitte. Auch in kleinen Betrieben sei es wichtig, die Umsetzung zu begleiten und nicht nur Berichte zu schreiben. Externe wie interne Fachkräfte in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz müssen sich auf ständige Veränderungen einstellen, um ihre Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen. Permanente Weiterbildung sei hier unerlässlich. Von Schwierigkeiten, zum Beispiel einen Betriebsarzt zu finden, der die Umsetzung der Maßnahmen begleitet, berichtete Enrico Renkhoff von Ferrero. Für größere Unternehmen würden sich Arbeitsschutzmaßnahmen auch im Hinblick auf ihren Nachhaltigkeitsreport lohnen. Wichtig für die Umsetzung sei ihm die Kooperation mit dem Betriebsrat bzw. die Beteiligung der Mitarbeiter.

Erfahrungsberichte aus der Praxis

Welche Maßnahmen Unternehmen in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz ergreifen, war Gegenstand einer Nachmittagssession. Vertreter der Mehle GmbH in Wölfersheim (430 Beschäftigte) berichteten, dass die gesetzlichen Vorgaben seit 2006 in ihrem Betrieb umgesetzt würden. Erhebungen, Analysen und die Planung von Maßnahmen würden gruppenweise und sehr effektiv durchgeführt. Zusammenhalt, Zufriedenheit und Akzeptanz der Mitarbeiter würden auf diese Weise am besten erreicht. Allerdings zeige sich, dass ein 2 Jahres-Rhythmus nicht realisierbar sei und die Tendenz zu einem 4jährigen Prozess gehe. Zum Thema Kennzahlen, etwa Krankenstand, könnten noch keine Aussagen gemacht werden. Man rechne aber längerfristig mit positiven Auswirkungen.

Von Gefährdungsbeurteilungen und Maßnahmen auf außereuropäischen Großbaustellen berichtete Eva Bär, Ingenieurin für Umwelt- und Sicherheitstechnik bei der Air Liquide, Paris. Das Unternehmen muss schon im Vorfeld des Auslandseinsatzes umfangreiche Untersuchungen anstellen, welche Arbeitsschutz- und Sicherheitsvorkehrungen im jeweiligen Land notwendig und realisierbar sind. Die Einhaltung der Maßnahmen wird auch während des gesamten Auslandseinsatzes lückenlos überwacht.

Wie die Einrichtung und Instandhaltung von Maschinen sicher gestaltet werden kann, schilderte Erwin Nahrgang, Milupa GmbH, Standort Fulda mit 570 Mitarbeitern, davon sechs Personen in Sicherheitsfunktionen. Beim vorgestellten LOTO-System handelt es sich um eine ausgeklügelte Methode, bei der mit Hilfe großer roter Umhängeschlösser Schalter, Sperr- oder Kugelhähne zum Schutz vor unbefugtem Zugriff oder unbeabsichtigtem Einschalten fixiert werden (logout). Eine  Kennzeichnung (tagout) informiert die Kollegen über Einrichtungs- und Instandhaltungsarbeiten an der Anlage. Mit einigen recht "blutrünstigen" Fotos von nachgestellten Arbeitsunfällen führte Nahrgang den Teilnehmern drastisch vor Augen, welche Folgen drohen, wenn derartige Sicherheitsvorkehrungen nicht durchgeführt werden.

Arbeitsschutzinvestitionen lohnen sich

Wen solche Horrorbilder nicht beeindrucken, den dürften vielleicht harte Zahlen überzeugen:

Durch Produktionsausfälle infolge von Arbeitsunfällen entsteht der deutschen Volkswirtschaft jährlich ein Schaden in Höhe von 46 Milliarden Euro. Umgerechnet kostet jeder durchschnittliche Arbeitsunfall das betroffene Unternehmen etwa 1.200 Euro allein durch den Produktionsausfall." (Dekra-Arbeitssicherheitsbarometer 2013/14)

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