Euphemismus Ausbildungs-Ausstieg

Veröffentlicht: 12.04.2017

Zusammenfassung: Ausbildungsabbrecher - das klingt wohl zu sehr nach Versagen. Darum heißen sie neuerdings "Ausbildungs-Aussteiger". Was ändert das?

 

 

Es überdeckt vor allem die Tatsache, dass die Gründe oft im Betrieb liegen, wenn ein Ausbildungsvertrag gelöst wird. Zumindest legen das Studien nahe, beispielsweise eine Befragung von Azubis in Berufsschulen und Arbeitsagenturen, die Ende 2016 veröffentlicht wurde (Kropp, P.; Dietrich, I.; Fritzsche, B.: Die vorzeitige Lösung von Ausbildungsverträgen. In: Empirische Pädagogik 2016, Heft 3/4). Abbrüche kommen fast zur Hälfte im ursprünglichen Wunschberuf der Jugendlichen vor. Falsche Vorstellungen sind offenbar kein Hauptgrund, denn gut die Hälfte der Befragten mit und ohne Abbruch gab an, den Betrieb vor Ausbildungsbeginn gekannt zu haben, beispielsweise durch Praktika. Mehr als 60 Prozent der Abbrecher bleiben auch im System der betrieblichen Ausbildung oder sogar im ursprünglichen Beruf.

Am Betriebsklima klemmt's

Die befragten Jugendlichen mit einer Vertragslösung oder Kündigung nannten als Gründe zuerst "schlechtes Betriebsklima", als zweites "Konflikte zwischen Ausbilder/innen und Auszubildenden". Natürlich sind beides Aspekte, die stark subjektiv empfunden werden. Ohne Jugendliche in Schutz nehmen zu wollen: das Scheitern liegt dann auch auf seiten des Betriebes. Auf jeden Fall ist es teuer: durchschnittlich 6.800 € kostet eine Vertragslösung - so die Berufsbildungsstatistik des BIBB.

Wir plädieren in unseren Unternehmenswerkstätten zum Azubimarketing immer dafür, sich der Prägungen der verschiedenen Generationen bewusst zu sein. Es reicht nicht, die angeblich so anderen Generationen Y oder Z zu kennen. Man muss als Ausbilder auch wissen, was einen selber geprägt hat. Dann lassen sich Konflikte vielleicht leichter vermeiden oder Unterschiede sogar produktiv nutzen.

Die Sensibilität für das Betriebsklima ist bei allen Arbeitnehmern gestiegen. Es steht regelmäßig ganz weit oben bei Befragungen nach Erwartungen an den Arbeitgeber. In Zeiten, in denen viele Unternehmen um wenige potenzielle Ausbildungsbewerber buhlen, lassen sich die Azubis weniger gefallen als früher. Arbeitszufriedenheit ist generell ein zentraler Aspekt von Fachkräftebindung - Investitionen hier lohnen sich immer. 

Der dritte Punkt ist das "liebe Geld": Ist die Ausbildungsvergütung niedrig, ist die Lösungsquote höher. So lässt sich sehr knapp zusammenfassen, was die Befragung ergab. Bei der Wahl eines Berufs ist die Bezahlung nicht ausschlaggebend. Aber wenn ein Azubi unzufrieden ist mit der aktuellen Lehrstelle, kann die Ausbildungsvergütung ausschlaggebend für die Vertragslösung sein.

"Abbrechen" heißt nicht "Ausstieg" und heißt nicht "Scheitern".

Ich interpretiere die Befragungsergebnisse so, dass die Jugendlichen wissen, was sie als künftige Fachkräfte wert sind. Betriebe, die sie ausbilden und halten wollen, müssen sich entsprechend verhalten. Peter Drucker warnte schon vor mehr als zehn Jahren: Die Unternehmen sind weit abhängiger von guten Fachkräften als umgekehrt. Der Euphemismus "Ausbildungs-Ausstieg" ist genauso irreführend wie Ausbildungs-Abbruch: Die meisten setzen ihre Ausbildung fort - oft im gleichen oder in verwandten Berufen. Und Scheitern ist es schon gar nicht, sonst müsste jeder "normale" Stellenwechsel als Scheitern gelten. Denn hier gilt genauso: Wer als Arbeitnehmer das Betriebsklima mies findet oder mit den Führungskräften nicht klar kommt, sieht sich nach bessern Alternativen um.

 

 

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